Wenn dein hochbegabtes Kind anders tickt als du, und warum das wunderbar ist

Du sitzt beim Elterngespräch, und die Begabungsdiagnostikerin sagt: „Ihr Kind ist hochbegabt.“ Erst kommt die Erleichterung, endlich eine Erklärung für all die intensiven Fragen, die Langeweile in der Schule, das Anders sein. Aber dann, vielleicht auf dem Heimweg oder nachts um drei, schleicht sich eine leise Stimme ein: „Bin ich selbst hochbegabt? Und wenn nicht, kann ich meinem Kind überhaupt gerecht werden?“

Lass mich dir gleich zu Beginn etwas sagen: Du bist nicht nur gut genug, du bist genau richtig für dein hochbegabtes Kind.

Die Sache mit den Genen, und was sie wirklich bedeuten

Ja, Hochbegabung hat eine genetische Komponente. Aber die Geschichte ist viel bunter, als viele denken. Intelligenz wird durch hunderte Gene beeinflusst, die sich auf unzählige Arten kombinieren können. Manchmal zeigt sich Begabung bei Eltern und Kindern völlig unterschiedlich. Manchmal hatten Eltern nie die Chance, ihre eigenen Potenziale zu entdecken oder zu entfalten.

Und hier wird es interessant: Viele Eltern hochbegabter Kinder erkennen sich in bestimmten Mustern wieder, vielleicht nicht als „klassisch hochbegabt“, aber als hochsensibel, neurodivergent oder einfach als Menschen, die die Welt schon immer ein bisschen intensiver erlebt haben. Das macht euch nicht zu „weniger begabten“ Eltern. Es macht euch zu Menschen, die verstehen können, wie es ist, anders zu sein.

Bist du hochsensibel?


Viele Eltern hochbegabter Kinder erkennen in sich selbst Hochsensibilität. Das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke, die dir im Umgang mit deinem intensiven Kind enorm helfen kann.

Mehr darüber, woran du Hochsensibilität bei dir selbst erkennst, erfährst du in meinem Beitrag: Woran merke ich, dass ich hochsensibel bin?

Du musst nicht „Google auf zwei Beinen“ sein, um eine gute Mama oder ein guter Papa zu sein

Dein Kind erklärt dir mit sechs Jahren die Planetenbahnen, während du dich in Physik durchgemogelt hast? Dein Kind verschlingt Bücher über Quantenphysik, während du lieber Romane liest? Dein Kind stellt Fragen, auf die du keine Antworten hast?

Perfekt. Genau so soll es sein.

Elternsein heißt nicht, alles zu wissen. Es bedeutet:

  • Mit deinem Kind zu staunen, statt Antworten vorzugeben
  • „Das weiß ich auch nicht, lass uns gemeinsam forschen.“ zu sagen
  • Neugierde vorzuleben statt Allwissenheit
  • Einen sicheren Hafen zu bieten, wenn die Welt zu komplex wird
  • Zu zeigen, dass man auch ohne alle Antworten ein wertvoller Mensch ist
Wie muss ich ein hochbegabtes Kind erziehen?

Deine Stärken sind genau das, was dein Kind braucht

Während dein hochbegabtes Kind vielleicht mühelos komplexe Probleme löst, hast du Fähigkeiten, die mindestens genauso wichtig sind:

Du spürst die Zwischentöne: Als hochsensibler Mensch merkst du vielleicht, wenn dein Kind überfordert ist, lange bevor es selbst die Worte dafür findet.

Du kennst das Leben jenseits des Intellekts: Du weißt, wie man Freundschaften pflegt, mit Enttäuschungen umgeht, den Alltag meistert. Viele hochbegabte Kinder kämpfen genau damit.

Du liebst bedingungslos: Nicht wegen der Hochbegabung, nicht wegen der Leistungen, sondern einfach, weil dein Kind dein Kind ist. Diese Sicherheit ist unbezahlbar.

Du bist authentisch: Du zeigst, dass niemand perfekt sein muss. Dass man Fehler machen darf. Dass man um Hilfe bitten kann. Das sind Lektionen, die dein perfektionistisches (und das sind sie fast alle) hochbegabtes Kind dringend braucht.

Du verstehst das Gefühl, nicht reinzupassen: Wenn du selbst neurodivergent bist oder dich immer etwas „anders“ gefühlt hast, verstehst du den Kern dessen, was dein Kind erlebt, auch wenn die Details anders sind.

Fragen, die du dir vielleicht stellst

„Schadet es meinem Kind, dass ich ihm intellektuell nicht folgen kann?“

Nein. Dein Kind braucht dich nicht als wandelnde Enzyklopädie. Es braucht dich als emotionalen Anker, als jemanden, der es bedingungslos liebt, als Vorbild für Menschlichkeit. Die intellektuelle Anregung kann es aus vielen Quellen bekommen (Bücher, Kurse, Mentoren). Die bedingungslose Liebe nur von dir. ❤️

„Sollte ich einen IQ Test bei mir machen lassen?“

Das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Für manche Eltern ist es hilfreich und erklärend, für andere unwichtig. Wichtiger als ein Test ist die Frage: Verstehst du dich selbst besser? Fühlst du dich wohl mit dir? Ein Test ändert nicht, wer du bist. Er gibt dir nur eventuell Worte dafür. Wenn du dir diese Frage stellst, dann lies gerne diesen Beitrag.

„Mein Kind ist frustriert, weil ich seine Interessen nicht teile. Was soll ich tun?“

Zeige ehrliches Interesse, auch wenn du nicht alles verstehst. Lass dir Dinge erklären. Stelle Fragen. Hilf deinem Kind, andere Menschen zu finden, die die Begeisterung teilen (Vereine, Online Communities, Mentoren). Du musst nicht alles selbst sein, aber du kannst die Brücke bauen.

„Ich fühle mich in Hochbegabten Elterngruppen fehl am Platz. Ist das normal?“

Absolut normal. Viele Eltern fühlen sich so. Denk daran: Du bist dort, weil du das Beste für dein Kind willst. Das macht dich zu einem wunderbaren Elternteil. Und oft merkst du nach einer Weile: Die anderen kochen auch nur mit Wasser und haben genauso Zweifel wie du.

„Was, wenn ich meinem Kind im Weg stehe?“

Diese Sorge zeigt, wie sehr du dein Kind liebst. Aber höchstwahrscheinlich stehst du ihm nicht im Weg. Du bist da, du kümmerst dich, du suchst nach Wegen. Das ist das Gegenteil von „im Weg stehen“. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Eltern, die immer wieder ihr Bestes geben, das ihnen möglich ist. Genau wie du.

„Soll ich meinem Kind sagen, dass ich nicht hochbegabt bin?“

Ehrlichkeit ist meistens gut. Du kannst sagen: „Ich denke anders als du, und das ist okay. Wir alle haben unterschiedliche Stärken.“ Zeig deinem Kind, dass Vielfalt wertvoll ist. Dass es viele Arten gibt, klug und wertvoll zu sein.

„Wie gehe ich damit um, wenn mein Kind mich korrigiert oder verbessert?“

Atmen. Es ist keine persönliche Kritik, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Hochbegabte Kinder haben oft ein starkes Bedürfnis nach Genauigkeit. Du kannst sagen: „Danke, dass du das weißt. Ich lerne auch noch dazu.“ Und bei Bedarf auch: „Die Art, wie du das sagst, fühlt sich nicht gut an. Lass uns über den Ton reden.“

Wenn die Zweifel zuschlagen

Es wird Momente geben, in denen du dich fragst: „Bin ich genug?“ Zum Beispiel wenn:

  • Dein hochbegabtes Kind erwartet, dass du bei den Mathe Hausaufgaben der 11. Klasse hilfst, und du selbst verzweifelst. (Also ich bin in diesem Fall trotz Hochbegabung raus. ;-))
  • Andere Eltern in der Hochbegabten Gruppe über Förderstrategien diskutieren, die dir spanisch vorkommen
  • Dein hochbegabtes Kind weint, weil es keine Freunde findet, und du nicht weißt, wie du helfen sollst

In diesen Momenten atme tief durch und erinnere dich: Dein Kind braucht keine perfekten Eltern. Es braucht echte Eltern. Menschen, die auch mal ratlos sind. Die Verletzlichkeit zeigen. Die zugeben, dass sie Hilfe brauchen.

Das ist keine Schwäche. Das ist eines der wertvollsten Geschenke, die du deinem Kind machen kannst.

Was dein hochbegabtes Kind wirklich von dir braucht

Nicht deine Intelligenz. Nicht perfekte Antworten. Nicht endloses Fachwissen. Sondern:

Gesehen werden: In seiner ganzen Komplexität, nicht nur als „das schlaue Kind“

Emotionale Sicherheit: Ein Zuhause, wo es nicht performen muss, wo es auch mal „nur“ Kind sein darf

Hilfe beim Menschsein: Freundschaften, Gefühle, Alltag. Hier brauchen viele hochbegabte Kinder mehr Unterstützung als beim Lernen

Verständnis für Intensität: Wenn alles zu viel ist, zu laut, zu chaotisch, zu langweilig, zu unfair

Jemanden, der an sie glaubt: Auch wenn die Noten nicht stimmen, auch wenn andere sie komisch finden, auch wenn sie selbst zweifeln

Ein Vorbild für Selbstfürsorge: Wie geht man mit eigenen Grenzen um? Wie holt man sich Hilfe? Wie ist man freundlich zu sich selbst?

Was brauchen hochbegabte Kinder?

CHECKLISTE: Deine unsichtbaren Stärken als Elternteil

Manchmal sehen wir unsere eigenen Gaben nicht, weil sie nie gemessen oder zertifiziert wurden. Schau mal, was bei dir zutrifft:

Emotionale Stärken:

[ ] Du spürst oft, wie es anderen geht, bevor sie es sagen
[ ] Du kannst gut trösten und einen sicheren Raum schaffen
[ ] Du nimmst Stimmungen und Zwischentöne wahr
[ ] Du kannst dich gut in andere hineinversetzen
[ ] Du bleibst ruhig in emotionalen Stürmen

Praktische Weisheit:

[ ] Du findest kreative Lösungen für Alltagsprobleme
[ ] Du organisierst Familie und Haushalt (auch wenn es chaotisch aussieht)
[ ] Du kannst gut improvisieren
[ ] Du weißt, wie man mit Menschen umgeht
[ ] Du bringst Dinge zu Ende, auch wenn es schwer wird

Soziale Intelligenz:

[ ] Du verstehst, wie Beziehungen funktionieren
[ ] Du kannst vermitteln und Konflikte entschärfen
[ ] Du siehst, was Menschen wirklich brauchen
[ ] Du schaffst es, dass sich andere wohlfühlen
[ ] Du hast ein Gespür für soziale Dynamiken

Lebenserfahrung:

[ ] Du bist durch schwierige Zeiten gegangen und gewachsen
[ ] Du weißt, dass nicht alles perfekt sein muss
[ ] Du kennst den Wert von Geduld und Durchhaltevermögen
[ ] Du kannst mit Unsicherheit umgehen
[ ] Du hast gelernt, um Hilfe zu bitten

Intuitive Fähigkeiten:

[ ] Du hast oft ein „Bauchgefühl“, das sich als richtig erweist
[ ] Du weißt manchmal Dinge, ohne erklären zu können, woher
[ ] Du spürst, wenn etwas nicht stimmt
[ ] Du triffst gute Entscheidungen, auch ohne alle Fakten
[ ] Du verlässt dich auf deine innere Stimme

Je mehr Häkchen du gesetzt hast, desto reicher ist deine Begabung. Diese Fähigkeiten stehen in keinem IQ Test, sind aber mindestens genauso wertvoll für das Leben deines Kindes.


Die besondere Magie eurer Unterschiedlichkeit

Weißt du, was das Wunderbare ist? Gerade weil ihr unterschiedlich seid, entsteht oft eine besonders reiche Beziehung.

Dein hochbegabtes Kind lernt von dir, dass Intelligenz viele Formen hat, dass emotionale Weisheit genauso wertvoll ist wie intellektuelle, dass niemand alles kann und das vollkommen okay ist. Es lernt den Wert unterschiedlicher Perspektiven, Bescheidenheit und Mitgefühl. Und vor allem: dass man geliebt wird, unabhängig von Leistung.

Und du? Du darfst dich selbst würdigen für all das, was du mitbringst:

  • Deine emotionale Intelligenz in einer Welt, die lange nur IQ gemessen hat
  • Deine Kreativität im Alltag, in praktischen, manchmal unscheinbaren Weisen
  • Deine Hochsensibilität mit ihrer Wahrnehmungstiefe, die Gold wert ist
  • Deine Fähigkeit, Menschen zu lesen und zu verstehen
  • Deine Resilienz, mit der du durch schwierige Lebensumstände gegangen bist
  • Deine intuitive Weisheit, auch ohne formale Bildung

Hochbegabung ist nur eine Form von Begabung. Deine Gaben sind genauso wertvoll, auch wenn sie nie getestet oder offiziell bescheinigt wurden.

Du wirst durch dein hochbegabtes Kind die Welt mit frischen, neugierigen Augen sehen, Fragen stellen, die du nie gestellt hättest, und vielleicht eigene verborgene Seiten entdecken.


Lies auch gerne meinen Beitrag: Hochbegabtes Kind: 10 Tipps für Eltern

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