Das Erbe der Kriegsenkel: Transgenerationale Muster in Beruf und Selbstwert

Der emotionale Rucksack meiner Familie

Ich bin Kriegsenkel. Meine Mutter ist 1945 mit ihrer Familie aus Schlesien geflohen. Was das bedeutet, habe ich erst viele Jahre später wirklich verstanden. Als Kind und junge Erwachsene trug ich Pakete in meinem emotionalen Rucksack, von denen ich nicht wusste, woher sie kamen. Blockaden, die sich nicht erklären ließen. Transgenerationale Muster, die mich zurückhielten, obwohl ich rational betrachtet alle Möglichkeiten hatte.

Erst als ich begann, mich mit der Geschichte meiner Familie auseinanderzusetzen, wurde mir klar: Vieles von dem, was ich fühlte und lebte, gehörte ursprünglich nicht mir. Es waren die Erfahrungen meiner Vorfahren, die durch mich hindurch wirkten. Das Trauma der Flucht, die Todesangst, die große Hungersnot, die das jüngste Kind nicht überlebte, der Verlust von Heimat und Sicherheit. All das hatte sich eingeprägt, nicht nur in den Erinnerungen, sondern auch in den Zellen, in der Art, wie mein Körper auf die Welt reagierte.

Heute begleite ich als Coach viele Menschen meiner Generation, die ähnliche Erfahrungen machen. Kriegsenkel, die spüren, dass da etwas ist, das sie zurückhält. Die Erfolg haben könnten, aber kurz vorher abbremsen. Die finanziell abgesichert sind, aber sich trotzdem nicht sicher fühlen. Die rational wissen, dass bestimmte Reaktionen nicht zu ihrer aktuellen Lebenssituation passen, aber sie trotzdem erleben.

Die Generation der Kriegsenkel

Als Kriegsenkel werden die Menschen bezeichnet, die zwischen etwa 1960 und 1975 geboren wurden. Wir sind die Kinder derjenigen, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder oder Jugendliche erlebt haben. Unsere Eltern wuchsen in einer Zeit auf, in der Überleben wichtiger war als Gefühle. In der Schweigen als Schutz galt. In der Traumata nicht verarbeitet, sondern weggepackt wurden, um weitermachen zu können.

Viele unserer Eltern haben nie wirklich über das gesprochen, was ihre Eltern erlebt haben. Über die Flucht, die Bombennächte, den Hunger, die Gewalt, den Verlust. Aber das Schweigen hat das Trauma nicht zum Verschwinden gebracht. Im Gegenteil: Es hat sich weitervererbt, oft auf Wegen, die wir lange Zeit nicht verstanden haben.

Heute, Jahrzehnte nach Kriegsende, wird immer deutlicher: Die Spuren dieses kollektiven Traumas sind nicht verschwunden. Sie zeigen sich in unseren Ängsten, unseren Beziehungsmustern, unseren beruflichen Blockaden. Und das hat nicht nur psychologische, sondern auch biologische Gründe.

Epigenetik: Wenn der Körper sich erinnert

Die Wissenschaft der Epigenetik hat in den letzten Jahren etwas Faszinierendes entdeckt: Traumatische Erfahrungen verändern nicht nur die Psyche, sondern auch die Art, wie unsere Gene abgelesen werden. Diese Veränderungen können an die nächste Generation weitergegeben werden.

Stell dir vor, deine Großmutter musste fliehen. Tagelang war sie unterwegs, hatte Hunger, fror, war in ständiger Todesangst. Ihr Körper schaltete in einen extremen Überlebensmodus. Alle Systeme auf Alarm. Jedes Geräusch eine potenzielle Gefahr. Jeder Moment konnte der letzte sein.

Diese extreme Stresserfahrung hinterlässt biochemische Spuren. Die Gene, die für Stressreaktionen zuständig sind, werden anders reguliert. Der Körper lernt: Die Welt ist gefährlich. Sei immer bereit zu fliehen. Vertraue niemandem. Besitz macht dich zur Zielscheibe.

Und diese „Einstellungen“ können weitergegeben werden. Nicht über die DNA selbst, sondern über epigenetische Marker, die beeinflussen, welche Gene aktiv sind und welche nicht. Das bedeutet: Du kannst Stressreaktionen in dir tragen, die auf Erfahrungen basieren, die du selbst nie gemacht hast.

Das erklärt, warum so viele Kriegsenkel berichten, dass sie sich grundlos ängstlich fühlen. Dass sie in Situationen, die objektiv sicher sind, in Alarmbereitschaft gehen. Dass ihr Körper reagiert, als wäre Gefahr im Verzug, obwohl der Verstand weiß: Es gibt keine reale Bedrohung.

Die unsichtbaren Muster: Wie sich das Erbe zeigt

In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder bestimmte Muster, die typisch für Kriegsenkel sind. Viele davon zeigen sich besonders deutlich im beruflichen Kontext, wenn es um Erfolg, Geld und Sichtbarkeit geht.

Existenzangst trotz Wohlstand

Da ist zum Beispiel die Existenzangst, die auch dann nicht verschwindet, wenn das Konto gefüllt ist. Menschen, die finanziell längst abgesichert sind, werden nachts von Panik überfallen: „Morgen könnte alles weg sein.“ Sie horten Geld, können es aber nicht genießen. Jede Ausgabe fühlt sich bedrohlich an, als könnte sie das Ende bedeuten.

Das ist das Inflations- und Enteignungstrauma der Großeltern, das nachwirkt. Die Erfahrung, dass Besitz über Nacht wertlos werden oder weggenommen werden kann. Diese Angst sitzt so tief, dass rationale Argumente sie nicht erreichen.

Eng damit verbunden ist das Muster, dass Geld zwischen den Fingern zerrinnt. Menschen, die eigentlich gut verdienen, haben am Ende des Monats nichts übrig. Unbewusst wirkt das Muster: „Besitz ist gefährlich. Besser, ich habe nichts, dann kann man mir auch nichts nehmen.“

Die Angst vor Sichtbarkeit

Ein weiteres zentrales Thema ist die Angst vor Sichtbarkeit. Menschen, die fachlich absolut kompetent sind, trauen sich nicht, damit nach außen zu gehen. Sie halten sich zurück, obwohl sie etwas zu sagen hätten. Die Vorstellung, im Mittelpunkt zu stehen, löst Panik aus.

Dahinter steht oft das Überlebensmuster der Großeltern: „Duck dich, sonst wirst du abgeholt.“ Sichtbar zu sein war lebensgefährlich. Wer auffiel, wurde zur Zielscheibe. Dieses Muster wirkt heute noch, obwohl die Zeiten andere sind.

Ähnlich verhält es sich mit der Angst vor Neid. Erfolg wird versteckt, man spricht nicht über Erfolge, macht sich lieber klein. Die unbewusste Angst: „Wenn ich zeige, dass es mir gut geht, werde ich angefeindet oder es wird mir weggenommen.“

Was sind transgenerationale Muster?
Erfolgsblockaden und Selbstsabotage

Besonders eindrücklich ist das Phänomen des „Glasdeckels“. Menschen kommen beruflich bis zu einem gewissen Punkt und dann passiert etwas: Sie sabotieren sich selbst, der Erfolg bricht plötzlich ein, oder sie können den nächsten Schritt einfach nicht gehen. Als wäre da eine unsichtbare Grenze, die nicht überschritten werden darf.

Oft zeigt sich dahinter eine Loyalität zur Herkunftsfamilie. „Ich darf es nicht besser haben als mein Vater, der sich kaputtgeschuftet hat.“ Oder: „Wenn ich aufsteige, verrate ich meine Ahnen.“

Das Hochstapler-Syndrom gehört teilweise ebenfalls in diese Kategorie. Das ständige Gefühl, den Erfolg nicht verdient zu haben und bald „aufzufliegen“. Die innere Überzeugung: „Ich gehöre nicht hierher. Das steht mir nicht zu.“

Manche Menschen erleben auch das Muster „Schuster bleib bei deinen Leisten“. Jeder Versuch, sich weiterzuentwickeln oder sozial aufzusteigen, löst innere Unruhe aus. Es fühlt sich falsch an, die eigene Schicht zu verlassen.

Blockaden in der Selbstständigkeit

Die Selbstständigkeits-Blockade ist ein weiteres häufiges Thema. Menschen haben eine klare Vision, die Fähigkeiten wären da, die Nachfrage auch, aber sie trauen sich nicht, den Schritt zu gehen. Die Angst vor dem Risiko ist überwältigend, oft ohne dass ein reales finanzielles Risiko bestehen würde.

Hier wirkt häufig das Konkurs- oder Enteignungstrauma der Vorfahren. Der Großvater, der seine Firma verlor. Die Familie, die im Krieg alles verlor und neu anfangen musste. Diese Erfahrung brennt sich so tief ein, dass Generationen später die Angst vor wirtschaftlicher Selbstständigkeit noch spürbar ist.

Eng damit verbunden ist die Angst vor Verträgen und langfristigen Bindungen. Die Unterschrift unter einen Vertrag löst Panik aus. Das Unterbewusstsein warnt: „Bind dich nicht fest. Du musst jederzeit fliehen können.“

Manche Menschen erleben auch das Gegenteil: Ständiger Jobwechsel. Die Unfähigkeit, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Die innere Unruhe, die sagt: „Bleib nicht zu lange an einem Ort.“

Geld, Wert und Preise

Die Unfähigkeit, angemessene Preise zu verlangen, begegnet mir in der Praxis sehr häufig. Menschen erbringen hervorragende Leistungen, aber sie können ihren Wert nicht in Geld ausdrücken. Sie fühlen sich unwohl dabei, Rechnungen zu schreiben. Manche lassen die Rechnungen tagelang liegen, bevor sie sie schreiben oder verschicken.

Dahinter steht oft eine tief verankerte Knecht- oder Magd-Mentalität aus der Ahnenlinie. Die Überzeugung: „Ich bin es nicht wert. Wer bin ich, dass ich so viel verlangen darf?“

Bei Frauen zeigt sich häufig zusätzlich das Muster „Frauen machen keine Karriere“ oder „Erfolg ist nichts für Frauen“. Die patriarchale Prägung der Ahnenlinie wirkt nach und blockiert beruflichen Erfolg.

Schuldgefühle bei Reichtum sind ebenfalls ein klassisches Kriegsenkel-Thema. „Ich darf es nicht besser haben als meine Eltern.“ Der Erfolg fühlt sich wie Verrat an. Unbewusst wird er deshalb sabotiert oder das verdiente Geld wieder ausgegeben, damit man nicht „zu viel“ hat.

Verhaltensweisen, die ausbremsen

Neben den konkreten beruflichen Blockaden gibt es auch Verhaltensweisen und Persönlichkeitsmuster, die Kriegsenkel oft bei sich beobachten.

Perfektionismus ist eines davon. Der verzweifelte Versuch, durch Fehlerlosigkeit unangreifbar zu werden. Dahinter die Angst: „Wenn ich einen Fehler mache, kostet es mich das Leben.“ oder „Dann werde ich abgelehnt und bin allein.“

Workaholism, das zwanghafte Arbeiten bis zum Umfallen, ist ein weiteres Muster. Oft steht dahinter die übernommene Überzeugung: „Nur wer arbeitet, hat ein Existenzrecht.“ Oder die Loyalität zu den Ahnen, die sich kaputtarbeiten mussten. „Wenn ich mir Ruhe gönne, verrate ich sie.“

Stille-Intoleranz zeigt sich darin, dass Menschen Stille nicht aushalten können. Sie brauchen ständig Geräusche, Musik, Ablenkung. Stille fühlt sich bedrohlich an. Für die Vorfahren bedeutete Stille oft akute Gefahr, das Verstecken, die Angst, entdeckt zu werden.

Harmoniesucht ist ein weiteres typisches Muster. Konflikte werden um jeden Preis vermieden, auch wenn das bedeutet, die eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. Die Angst dahinter: „Konflikte eskalieren zum Krieg. Streit kann tödlich enden.“

Das Helfersyndrom zeigt sich im Zwang, andere retten zu müssen. Oft steckt dahinter der unbewusste Versuch, für eine unterlassene Hilfeleistung der Ahnen zu sühnen. Oder die eigene Hilflosigkeit zu kompensieren, die die Vorfahren erlebt haben.

Rationalisierung, also das Abspalten von Gefühlen und das Leben nur im Kopf, ist ein Schutzmechanismus. Gefühle waren zu schmerzhaft, also wurden sie abgeschaltet. Dieses Muster wird weitergegeben und führt dazu, dass Menschen den Kontakt zu sich selbst verlieren.

Selbstsabotage kurz vor dem Ziel ist besonders frustrierend. Alles ist vorbereitet, der Erfolg wäre greifbar, und dann passiert etwas: Ein Fehler, eine Krankheit, ein Rückzieher. Unbewusst darf der Erfolg nicht sein, weil er gegen ein inneres Verbot verstößt.

Was sich in der Praxis zeigt

In meiner Coaching-Arbeit begegnen mir immer wieder ähnliche Muster, besonders im beruflichen Kontext. Menschen kommen zu mir, weil sie spüren, dass etwas sie zurückhält, aber sie können nicht greifen, was es ist.

Da ist die erfolgreiche Beraterin, die sich seit Jahren nicht traut, mit ihrem Angebot sichtbar zu werden. Die ihre Website nicht online stellt, obwohl alles fertig ist. Die zögert, auf Netzwerkveranstaltungen zu gehen, obwohl sie fachlich absolut kompetent ist.

Oder der Handwerker, der den Schritt in die Selbstständigkeit nicht wagt, obwohl die Aufträge da wären. Der nachts wach liegt und sich Worst-Case-Szenarien ausmalt, die rational betrachtet völlig unrealistisch sind.

Oder die Trainerin, die ihre Preise nicht erhöht, obwohl ihre Expertise und Nachfrage es längst rechtfertigen würden. Die sich unwohl fühlt, wenn sie an Geld denkt. Die Rechnungen tagelang liegen lässt, bevor sie sie verschickt.

Was auf den ersten Blick wie Selbstsabotage oder mangelndes Selbstbewusstsein aussieht, hat oft eine viel tiefere Wurzel. Wenn wir gemeinsam in die Tiefe gehen, zeigt sich: Es ist nicht ihr Thema. Es ist das Erbe ihrer Großeltern, ihrer Urgroßeltern. Die Angst vor Sichtbarkeit war damals überlebenswichtig. Besitz war gefährlich. Sich über seinen Stand zu erheben konnte tödlich enden.

Diese Muster wirken heute noch, obwohl die Gefahr längst vorbei ist.

Der emotionale Rucksack der Familiengeschichte.

Wie ich mit transgenerationalen Mustern arbeite

Als Coach arbeite ich am liebsten ursachenorientiert und mit dem Unterbewusstsein. Das bedeutet: Wir schauen nicht nur auf die Symptome, sondern gehen der Frage nach: Wo kommt das her? Wem gehört das ursprünglich?

Oft reicht es nicht, rational zu verstehen, dass eine Angst unbegründet ist. Der Verstand kann das wissen, aber der Körper, das Unterbewusstsein, reagiert trotzdem weiter nach den alten Mustern. Deshalb arbeite ich auf der Ebene, auf der diese Muster gespeichert sind.

In der Arbeit mit Kriegsenkeln geht es häufig darum, die Verstrickungen zu lösen. Zu erkennen: „Das ist nicht meine Angst, das ist die Angst meiner Großmutter.“ Oder: „Diese Überzeugung stammt aus einer Zeit, in der sie überlebenswichtig war, aber heute nicht mehr gilt.“

Es geht auch darum, den Ahnen zurückzugeben, was ihnen gehört. Mit Respekt und Würde, aber in der klaren Haltung: „Ich trage das nicht mehr für dich. Ich lebe mein Leben.“

Wenn diese Klärung geschieht, verändert sich oft sehr viel. Menschen berichten, dass innere Hürden verschwinden, die sie jahrelang begleitet haben. Dass sie plötzlich Entscheidungen treffen können, die vorher unmöglich schienen. Dass sich etwas in ihnen entspannt, eine Last abfällt.

Die Arbeit ist oft emotional, weil sie Themen berührt, die lange verborgen waren. Aber sie ist auch befreiend. Denn wenn du verstehst, woher deine Blockaden kommen, verlieren sie ihre Macht über dich.

Coaching ist nicht Therapie

Wichtig ist mir die Klarheit: Ich bin Coach, keine Therapeutin.

Als Coach arbeite ich mit Menschen, die im Hier und Jetzt grundsätzlich handlungsfähig und stabil sind, aber spüren: „Da ist etwas, das mich zurückhält.“ und die bereit sind, dem auf den Grund zu gehen.

Die Grenze ist klar: Wenn du unter akuten Traumafolgen leidest, Flashbacks hast, dich in einer psychischen Krise befindest oder deine Ängste deinen Alltag massiv einschränken, dann gehörst du zunächst in therapeutische Hände. Therapie behandelt Krankheiten, Coaching begleitet Entwicklung und Transformation.

Ich arbeite gerne auch ergänzend zu therapeutischer Behandlung, aber nicht als Ersatz dafür.

Erkennst du dich wieder?

Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt, dass einiges davon auf dich zutrifft. Vielleicht hast du dich in manchen Mustern wiedererkannt und gedacht: „Genau das kenne ich.“

Wenn du spürst, dass transgenerationale Themen in deinem Leben eine Rolle spielen könnten, wenn du berufliche Blockaden hast, die sich rational nicht erklären lassen, wenn du das Gefühl hast, gegen eine unsichtbare Wand zu laufen, dann lass uns darüber sprechen.

In einem kostenlosen Erstgespräch können wir gemeinsam schauen, ob das, was dich bewegt, ein Thema ist, das aus deiner Familiengeschichte stammt. Und ob meine Art zu arbeiten für dich der richtige Weg sein könnte.

Du musst das nicht alleine tragen. Die Pakete in deinem emotionalen Rucksack gehören dir nicht. Du darfst sie ablegen.

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