Wenn Gefühle sich verstecken: Alexithymie bei hochbegabten und autistischen Menschen

„Wie fühst du dich damit?“

Eine ganz normale Frage im Coaching. Aber manchmal kommt als Antwort nur ein ratloses: „Ich weiß es nicht.“

Nicht weil die Person nicht nachdenkt. Nicht weil sie nicht will. Sondern weil der Zugang zu den eigenen Emotionen tatsächlich versperrt ist. Willkommen in der Welt der Alexithymie – einem Phänomen, das weit verbreiteter ist, als die meisten denken.

Wenn „Ich weiß es nicht.“ die ehrlichste Antwort ist

In meiner Coachingpraxis arbeite ich mit Menschen, die mit Themen zu mir kommen wie Perfektionismus, Prokrastination, berufliche oder private Herausforderungen – Probleme, die sich mit dem Kopf einfach nicht lösen lassen. Wir arbeiten über das Unterbewusstsein und die Emotionen, denn genau dort liegen oft die Lösungen für Themen, die der Verstand nicht knacken kann.

Und dann passiert es: Ich stelle eine Frage nach dem Gefühl, nach der Emotion hinter einem Thema und bekomme ein ehrliches „Ich weiß es nicht.“ Kein Ausweichen, kein Nachdenken, sondern echte Ratlosigkeit. Genau dann merke ich: Hier könnte möglicherweise Alexithymie vorliegen.

Was ist Alexithymie eigentlich?

Alexithymie kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „keine Worte für Gefühle“. Etwa 10% der Bevölkerung sind davon betroffen, und das ist wichtig zu verstehen: Es ist kein Mangel an Gefühlen. Menschen mit Alexithymie haben genauso Emotionen wie alle anderen auch. Aber sie können diese Gefühle nicht oder nur schwer identifizieren und benennen.

Das Herz schlägt schneller, doch ist das jetzt Aufregung, Angst oder Vorfreude? Der Bauch zieht sich zusammen, aber was bedeutet das? Diese Fragen bleiben oft unbeantwortet, weil der Zugang zu den eigenen Emotionen fehlt oder stark eingeschränkt ist.

Alexithymie ist dabei kein Krankheitsbild, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Es gibt nicht einmal eine offizielle Diagnose dafür im ICD-Katalog.

Emotionen benennen.

Der Zusammenhang mit Autismus und Hochbegabung

Bei autistischen Menschen ist Alexithymie wissenschaftlich gut dokumentiert: Studien zeigen, dass zwischen 50% und 85% der Menschen im autistischen Spektrum davon betroffen sind. Interessanterweise sind viele Merkmale, die lange als „typisch autistisch“ galten wie Schwierigkeiten mit Mimik oder emotionalem Ausdruck tatsächlich auf die begleitende Alexithymie zurückzuführen, nicht auf den Autismus selbst.

Bei hochbegabten und höchstbegabten Menschen gibt es bisher keine wissenschaftlichen Studien, die einen Zusammenhang belegen. Aber in meiner täglichen Arbeit in der Coachingpraxis beobachte ich immer wieder: Gerade hoch- und höchstbegabte Menschen haben oft Schwierigkeiten, an ihre Emotionen heranzukommen. Der stark ausgeprägte Verstand, die Kopflastigkeit, das ständige Analysieren, all das kann den Zugang zu den eigenen Gefühlen erschweren. (Bei manchen wurde der subtile Autismus vielleicht auch noch nicht erkannt…)

Warum betrifft das so viele?

Hier kommt ein wichtiger Punkt: Wir alle haben nicht gelernt, mit Emotionen umzugehen.

Die wenigsten von uns hatten Eltern, die uns aktiv beigebracht haben, wie man Gefühle identifiziert, benennt und reguliert. Emotionale Kompetenz ist keine Selbstverständlichkeit, sie ist eine Fähigkeit, die man lernen kann und sollte. Und genau das macht die Auseinandersetzung mit dem Thema so wertvoll, völlig unabhängig davon, ob Alexithymie vorliegt oder nicht.

Mein Weg: Über den Körper zu den Gefühlen

Als ausgebildete Emotionscoach kenne ich dieses Phänomen auch aus eigener Erfahrung. Ich selbst habe einen sehr starken Verstand und weiß, wie es sich anfühlt, wenn Emotionen nicht einfach so „da“ sind und benannt werden können.

Mein Zugang und der vieler hoch- und höchstbegabter sowie autistischer Menschen führt über den Körper. Ich bemerke zuerst eine körperliche Reaktion und schaue dann: Was ist das eigentlich? Und wo kommt es her?

Genau dieser Weg ist auch der, den ich in meiner Arbeit gehe. Viele meiner Klientinnen und Klienten beginnen erst bei mir, sich tiefer mit ihren Emotionen auseinanderzusetzen. Und die allermeisten lernen überhaupt erst bei mir, damit umzugehen. Das ist ein ganz, ganz wichtiger Teil meiner Arbeit.

Was du selbst tun kannst: Der erste kleine Schritt

Wenn du dich in dieser Beschreibung wiedererkennst, wenn auch du manchmal nicht weißt, was du fühlst, dann gibt es einen einfachen ersten Schritt:

Beobachte deinen Körper.

Halte mehrmals am Tag inne und frage dich:

  • Was spüre ich gerade in meinem Körper?
  • Wo genau ist Anspannung? Wo Entspannung?
  • Wie fühlt sich mein Atem an – flach oder tief?
  • Ist mein Bauch eng oder weit?
  • Sind meine Schultern hochgezogen?

Wichtig dabei: Du musst das noch nicht interpretieren oder bewerten. Du musst nicht gleich sagen „Das ist Angst.“ oder „Das ist Freude.“. Nimm einfach nur wahr: „Ah, da ist Enge in der Brust.“ oder „Da ist ein Kribbeln in den Händen.“.

Diese einfache Übung ist der erste Schritt, um wieder eine Verbindung zu deinen körperlichen Signalen und damit zu deinen Emotionen herzustellen.

Strategie, um bei Alexithymie Emotionen zu benennen.

Wann professionelle Begleitung sinnvoll ist

Generell gilt: Wenn du feststellst, dass du nicht so einfach an deine Emotionen herankommst, kann es sehr hilfreich sein, sich Unterstützung zu holen.

Mit Emotionen umgehen zu lernen ist ein absoluter Gewinn im Leben, schon allein deshalb würde ich jedem empfehlen, sich damit auseinanderzusetzen. Ein guter Emotionscoach kann dir dabei helfen, den Zugang zu deinen Gefühlen zu finden und eine neue emotionale Kompetenz zu entwickeln.

Denn am Ende geht es nicht darum, ob du eine „Diagnose“ hast oder nicht. Es geht darum, dir selbst näher zu kommen und zu lernen, was in dir vorgeht. Und das ist für jeden Menschen wertvoll.


Du möchtest lernen, deine Emotionen besser zu verstehen und mit ihnen umzugehen? Melde dich gerne bei mir für ein kostenloses Erstgespräch.

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