Warum du Hochbegabung und Autismus bei dir selbst nicht erkennst – aber ADHS schon eher

Oder: Warum wir durch unsere eigene Brille nicht alles sehen

„Du bist irgendwie anders. Du bist komisch.“

Ende 2013 kündigten Freunde mir die Freundschaft mit genau dieser Begründung. Ich? Anders? Komisch? Ich hatte keine Ahnung, was sie meinten. Für mich war ich einfach… ich.

Also tat ich, was ich in dieser Situation für zielführend und notwendig hielt: Ich durchsuchte das Internet nach psychischen Störungen. ADHS, ADS – davon hatte ich gehört. Aber richtig tief eingestiegen war ich noch nicht. Schritt für Schritt stolperte ich über Vielbegabung, Hochsensibilität und später auch über Hochbegabung.

Hochbegabung? Das schloss ich kategorisch aus. Ich war zweimal wegen Latein sitzen geblieben. Ich habe kein Abitur gemacht. Ich bin auf keinen Fall hochbegabt. Ich war schlecht in der Schule. Ich habe danach keinen geraden Weg eingeschlagen, sondern stattdessen mehrere Berufe eingesammelt und mich erfolgreich nach meinem Gusto entwickelt.

Es hat neun Jahre gedauert, bis ich einen IQ-Test gemacht habe. Neun Jahre, in denen mich Freunde immer wieder angestupst haben: „Hey, mach doch mal einen Test.“ Aber ich nahm es nicht ernst. Ich hatte mir eingeredet, ich sei vielbegabt und hochsensibel (ganz klar!) und damit war die Sache für mich erledigt.

Wirklich schade, wie ich heute denke…

ADHS ist laut – Hochbegabung und Autismus sind leise

Warum habe ich überhaupt an ADHS gedacht, aber Hochbegabung ausgeschlossen?

Weil ADHS sichtbar(er) ist. Es ist plakativer. Konzentrationsprobleme, innere oder körperliche Unruhe, Dinge nicht zu Ende bringen, Prokrastination. Das fällt auf. Dir selbst und anderen. Der Leidensdruck ist groß, weil du Dinge nicht hinbekommst, verschusselt bist, im Job oder privat aneckst.

ADHS ist in den sozialen Medien noch mehr oder schon länger präsent, in Gesprächen, in den Köpfen. Wenn ein Kind im Kindergarten oder in der Schule auffällig ist, geht als erstes die „ADHS-Schublade“ auf.

Hochbegabung und Autismus dagegen? Die sind subtil. Viel weniger greifbar.

Die subtilen Phänomene, die wir übersehen

Bei Hochbegabung gibt es nicht die eine Ausprägung. Manche sind „Google auf zwei Beinen“, machen einen Einser-Schnitt im Abi, studieren, promovieren. (Super Klischee, das nicht der breiten Realität in Sachen Hochbegabung entspricht.) Andere wie ich drehen zwei Ehrenrunden in der Schule, weil sie keine Lernstrategien hatten. (In der Grundschule musste ich nichts tun und habe nie gelernt zu lernen. Im Übrigen ein „Hochbegabten-Klassiker“.) Ich konnte entweder sehr gut sein, wenn mich etwas interessierte, oder richtig schlecht, wenn es mich langweilte, ich mich nicht dafür interessierte oder keinen Sinn darin erkennen konnte (oder ich die Lehrkraft nicht mochte).

Und hier ist der Knackpunkt: Ich habe nicht verstanden, dass es vielen Hochbegabten wie mir geht. Dass sie ein Wissensgebiet für sich erschließen, und dann wird es ihnen langweilig. Sie wollen etwas Neues lernen, entdecken, verstehen. Deshalb habe ich nach der Schule Wissen und Berufe gesammelt. Ich dachte, ich sei eben „neugierig“ oder eben „vielbegabt“. Nicht hochbegabt.

Beim Autismus (vor allem dem subtilen Autismus) wird es noch komplizierter. Autismus wird oft mit Hochsensibilität oder mit den Overexcitabilities verwechselt. Aber bei Autismus ist es u.a. diese frühere Erschöpfung bei sozialen Kontakten. Dieses wörtliche Nehmen. Dieser „innere Monk“, wie manche sagen – diese Liebe zu Strukturen und Ordnung.

Auswirkungen von Hochbegabung in der Grundschule.

Konkrete Beispiele, die du vielleicht von dir kennst:

  • Du brauchst nach sozialen Events deutlich mehr Erholungszeit als andere während deine Kollegen nach der Teamfeier noch in die Bar gehen, brauchst du dringend Ruhe und Rückzug
  • Du „stolperst“ über Ironie oder du nimmst Aussagen wörtlich und merkst erst später (oder durch Nachfragen), dass jemand etwas anders meinte
  • Du hast bestimmte Routinen, die dir wichtig sind z.B. immer den gleichen Morgenkaffee, den gleichen Weg zur Arbeit, die gleiche Sitzposition im Meeting und fühlst dich unwohl, wenn diese durchbrochen werden
  • Du magst es nicht, wenn Dinge „nicht stimmen“ z.B. schief hängende Bilder, asymmetrisch arrangierte Gegenstände oder wenn jemand „deine“ Tasse benutzt
  • Small Talk fühlt sich für dich anstrengend oder sinnlos an. Du verstehst nicht, warum man über das Wetter reden sollte, wenn es doch wichtigere Themen gibt
  • Du hast Spezialinteressen, in die du tief eintauchst und könntest stundenlang darüber sprechen, während andere das Interesse verlieren
  • Bestimmte Geräusche, Gerüche oder Texturen sind für dich unerträglich, während andere Menschen sie kaum wahrnehmen
  • Die Konsistenz von Essen ist wichtig oder vielleicht gibt es auch ein unausgesprochenes „System“ was wie auf dem Teller angeordnet sein muss. Manche Lebensmittel gehen war nicht, manche sind essentiell im Schrank! (lies dazu auch meinen Artikel Safe Food)
  • Du planst Abläufe gern im Detail durch und bist irritiert, wenn spontan alles anders kommt

Nur: „Wie soll ich merken, dass ich einen „inneren Monk“ habe, wenn ich nur mein eigenes Empfinden kenne? Ich weiß nicht, wie es ist, nicht so zu ticken.“

Die eigene Brille: Warum wir uns selbst nicht sehen können

Ich kenne mich, wie ich bin. Ich weiß, wie ich bin. Manchmal erkenne ich, dass ich maskiere und mich anpasse – manchmal auch nicht.

Und genau das ist das Problem: Ich habe keine Vergleichsmöglichkeit. Ich kenne nur mein eigenes Gehirn.

Dazu kommt: Gleiches zieht Gleiches an. Ich habe schon immer neurodivergente Freunde angezogen, ob getestet oder nicht, die sind alle irgendwo im Spektrum. Und dadurch, dass sie mich gespiegelt haben, habe ich mich nicht gewundert. Ich dachte, so ist halt normal.

Die Medien vermitteln außerdem ein falsches Bild. Einstein-Genies versus meine Realität mit den Ehrenrunden. Wie soll ich da auf die Idee kommen, hochbegabt zu sein?

Und das Schlimmste: Gerade wenn Hochbegabung und subtiler Autismus zusammenkommen, wird unglaublich viel kompensiert und maskiert. Eine enorme kognitive Leistung. Menschen sind einfach immer erschöpft oder schneller erschöpft und wissen nicht, warum.

Warum Eltern es beim eigenen Kind nicht sehen

Es geht nicht nur um uns selbst. Eltern erkennen Hochbegabung oder Autismus bei ihren Kindern oft nicht, weil „Mein Kind ist ja wie ich damals.“

Sie wundern sich nicht über die exzellente sprachliche Kompetenz schon im frühen Alter. Sie denken: „Ja, ich spreche ordentlich mit meinem Kind und verwende keine Babysprache.“ Sie sehen die außergewöhnliche Neugier und denken: „Das Kind ist total neugierig, weil ich so viel mit ihm unternehme, so viel zeige.“

Sie normalisieren das Außergewöhnliche. Weil sie durch ihre eigene Brille schauen.

Und das Verrückte: Die Kinder erkennen sich oft schon früh manchmal schon im Teenageralter. Aber die Eltern? Die sehen es nicht.

Was mir geholfen hat (und was nicht)

Nach dem Freundschafts-Aus 2013 habe ich sehr schnell recherchiert. Ich bin auf Vielbegabung und Hochsensibilität gestoßen, habe mir jemanden gebucht, der sich damit auskennt, und darüber gesprochen.

Und dann habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe es nicht ernst genommen.

Ich habe für mich einsortiert, dass ich vielbegabt und hochsensibel sei und damit war’s für mich geklärt. Hochbegabung? Kategorisch ausgeschlossen bei diesen Noten und diesem ungerade Berufsweg.

Bis ich mich dann zum Test „gezwungen“ habe, weil ich selbst die Begabungsdiagnostik anbieten wollte. Nachdem mich jahrelang meine Freunde und Coachees immer wieder geschubst haben: „Hey, mach einen IQ-Test.“

Neun Jahre. So lange hat es gedauert.

Der Außenblick: Warum ein Profi sieht, was du nicht siehst

Ein Profi sieht immer das, was man selbst nicht sieht oder was man nicht für wahr halten kann.

In einem Reflexionsgespräch – ob bei mir oder bei jemandem wie Dorothea Whitehead für Autismus – darfst du die Maske abgeben. Du kannst einfach mal alles aussprechen, ohne dich zu genieren, ohne zu denken, dass du komisch bist oder spinnst oder übertreibst oder völlig falsch in deiner Einschätzung liegst.

Du kannst einfach so sein, wie du bist. Und bekommst eine fachliche Ersteinschätzung von jemandem, der sich den ganzen Tag mit diesen Themen auseinandersetzt.

Hochbegabte verstellen sich oft ihr Leben lang.

Was du jetzt tun kannst

Wenn du dich in diesem Blogbeitrag wiedererkennst, bei dir selbst oder bei deinem Kind, dann lade ich dich ein: Hol dir die Antworten auf die Fragen, die in deinem Kopf offen sind. Egal, wie komisch oder ungewöhnlich sie dir erscheinen mögen.

Es ist so wertvoll, sich selbst zu erkennen. Rauszufinden, wie du tickst, wie andere Menschen ticken, wie du ein gutes Match hinbekommst. Dein Leben einfach noch viel passender zu gestalten.

Konkrete Schritte:

Bei Verdacht auf Hochbegabung:

Bei Verdacht auf Autismus:

Wenn du unsicher bist – Hochbegabung ODER Autismus ODER beides:

  • Generell empfehle ich, beim Thema Hochbegabung anzufangen und dich dann weiterzutasten zu ADHS oder Autismus
  • Aber es kommt auch auf die Phänomene an, die du siehst und erlebst – der Weg kann also auch anders sein
  • Auch wenn ADHS oder Autismus im Raum stehen, empfehle ich (wie meine Kolleginnen, Kollegen und Psychologen auch), auch auf das Thema Hochbegabung / Intelligenz zu schauen um einen Menschen holistisch zu erfassen

Du bist nicht komisch. Du bist vielleicht neurodivergent und dabei ganz wunderbar.

Und du bist es wert, dir die Zeit zu nehmen, das herauszufinden.

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner