„Das brauch ich nicht zu lernen, das kann ich doch schon!“
Kommt dir dieser Satz bekannt vor?
Wenn dein hochbegabtes Kind in der Grundschule mit Leichtigkeit durch den Schulstoff surft, freust du dich vermutlich. Zu Recht! Aber lass mich dir etwas sagen, das viele Eltern überrascht: Genau diese Leichtigkeit kann später zum Problem werden, weil deinem Kind die Lernstrategien fehlen.
Die Götterdämmerung kommt – nur wann?
Als Coach für Hoch- und Höchstbegabte und Begabungsdiagnostikerin sehe ich es immer wieder: Hochbegabte Kinder, die in der Grundschule nichts tun müssen, nichts lernen müssen und deshalb auch nie lernen, WIE man lernt.
Bei mir persönlich kam die Götterdämmerung in der sechsten Klasse am altsprachlichen Gymnasium. Latein. Ich bin prompt sitzen geblieben. Warum? Weil ich bis dahin nie gelernt hatte zu lernen. Alles war mir einfach so zugeflogen.
Das Wichtigste, was ich Eltern nach einem IQ-Test mitgebe: Spätestens in der Unterstufe, der Oberstufe, dem Abi oder allerspätestens im Studium wird dein Kind auf eine Wand treffen. Und wenn es dann keine Lernstrategien hat, wird dieser Aufprall hart.
Das unterschätzte Problem: Fehlende Anstrengungsbereitschaft
Wenn deinem Kind in der Grundschule alles zufliegt, lernt es nicht nur keine Lernstrategien, es entwickelt auch keine Anstrengungsbereitschaft. Es kennt das Gefühl nicht, sich durch etwas Schwieriges durchbeißen zu müssen. Es weiß nicht, wie es sich anfühlt, etwas NICHT sofort zu können und trotzdem dranzubleiben.
Diese fehlende „Frustrationstoleranz beim Lernen“ wird später zu einer echten Hürde. Denn wenn dann plötzlich etwas nicht auf Anhieb klappt, fehlt die Erfahrung: „Das ist normal. Ich muss mich anstrengen, und dann schaffe ich es.“
Stattdessen erleben viele hochbegabte Kinder dann: „Ich kann das nicht sofort? Dann bin ich wohl doch nicht schlau. Ich gebe auf.“ (oder sie haben einfach keinen Bock #füreuchgestestet ;-))
Wie du Anstrengungsbereitschaft fördern kannst
Deshalb ist es so wichtig, dass dein Kind früh lernt, sich anzustrengen, am besten an Dingen, die es interessieren, aber die eben nicht sofort klappen. Hier ein paar Ansätze:
Herausfordernde Hobbys fördern: Sport, ein Musikinstrument, Schach, Programmieren… Dinge, die Zeit und kontinuierliche Übung brauchen, bis man Fortschritte sieht.
Den Prozess loben, nicht nur das Ergebnis: „Ich sehe, wie sehr du dich angestrengt hast.“ oder „Du bist wirklich drangeblieben, obwohl es schwierig war.“ statt „Du bist so schlau.“.
Fehler als Lernchance normalisieren: Sprich offen über deine eigenen Fehler und Herausforderungen. Zeige, dass Scheitern zum Lernen dazugehört und kein Zeichen von Unfähigkeit ist. (und wie du cool mit solchen Situationen umgehst)
Kleine Durststrecken aushalten lassen: Nicht sofort helfen, wenn etwas schwierig wird. Stattdessen ermutigen: „Das ist knifflig. Probier’s nochmal. Du schaffst das.“
Projekte mit längerfristigem Ziel: Etwas bauen, ein Geschichte schreiben, ein Stop-Motion-Video drehen, ein Experiment durchführen – Vorhaben, die sich über mehrere Wochen erstrecken und durchgehalten werden müssen.

Ab der fünften Klasse: Ein Auge drauf haben
Die typischen Warnsignale?
- Dein Kind ist hochbegabt UND bringt die PS nicht auf die Straße in der Schule
- Plötzlich schlechtere Noten oder Schwierigkeiten beim Lernen
- Es gibt keine erkennbare Struktur beim Lernen
- Frustration, wenn plötzlich etwas nicht sofort klappt
Ab der fünften Klasse solltest du beginnen, bewusst hinzuschauen. Nicht kontrollierend, sondern begleitend.
Der Schlüssel: Spielerisch herausfinden, WIE dein Kind lernt
Hier kommt die gute Nachricht: Lernen kann leicht sein – wenn man weiß, wie man selbst am besten lernt. Und das ist bei jedem Kind anders.
Die Lerntypen: Visuell, auditiv, kinästhetisch
Die meisten Kinder sind Mischtypen. Aber oft gibt es eine Tendenz:
Visuelle Lerner brauchen Bilder, Skizzen, Mindmaps. Sie machen sich gerne Notizen und können sich gut an Details erinnern.
Auditive Lerner nehmen Informationen übers Hören auf. Sie lernen gut durch Gespräche, Hörbücher oder indem sie sich den Stoff selbst laut vorsagen.
Kinästhetische Lerner müssen sich bewegen, anfassen, ausprobieren. Sie lernen durchs Tun.
Hinweis: Kinder mit einem Lese-Rechtschreibthema profitieren oft von auditiven Lernmethoden.
Wie findet ihr gemeinsam heraus, welcher Typ dein Kind ist?
1. Online-Tests nutzen
Es gibt viele kostenlose Lerntypen-Tests im Internet, zum Beispiel:
- Bei Studienkreis, Lernförderung oder Grundschultricks
- Einfach „Lerntypentest Kinder“ googeln und gemeinsam durchgehen
2. Sei dir selbst ein Abenteuer: Experimentieren!
Setzt euch zusammen und probiert aus:
Lernorte testen:
- Schreibtisch (klassisch)
- Boden mit Kissen oder auf einem Teppich
- Auf dem Bett liegend auf dem Bauch
- Stehpult oder am Küchentisch im Stehen
- Im Gehen (z.B. Treppen rauf und runter, durch die Wohnung)
- Draußen auf einer Bank oder im Garten
- In einer ruhigen Ecke mit Sitzsack
Bewegung dabei?
- Braucht dein Kind einen Sitzball statt einem Stuhl?
- Hilft es, beim Lernen umherzugehen?
- Funktioniert es besser mit Musik oder in absoluter Ruhe?
Verschiedene Methoden ausprobieren:
- Zusammenfassungen oder Stichpunkte aufschreiben
- Sprachnachrichten aufnehmen und später abhören
- Mit jemandem über den Stoff sprechen – einem Elternteil, Geschwisterkind, Klassenkameraden oder auch dem Kuscheltier
- Mindmaps oder Zeichnungen erstellen
- Den Stoff „lehren“ (Lernpartnerschaft mit Klassenkameraden, gegenseitiges Abfragen)
- Lernvideos auf YouTube zu dem Thema anschauen
- Mit Karteikarten arbeiten (visuell + haptisch)
- Den Stoff in Bewegung lernen: beim Hüpfen, Balancieren, Ball werfen
- Eselsbrücken und Merksätze erfinden
- Mit Post-its arbeiten und an verschiedenen Orten aufhängen
- Lernplakate gestalten
- Audioaufnahmen vom Unterricht/Lehrstoff machen und beim Spazierengehen hören

Ein Beispiel aus meinem Leben
Ich bin jemand, der sich Zusammenfassungen schreibt, dann eine Zusammenfassung der Zusammenfassung und dann kann ich’s. Meine Tochter? Komplett anderer Typ! Für sie hätte das gar nicht funktioniert. Bei ihr haben wir verschiedene Dinge ausprobiert: Ich hab ihr Sprachnachrichten aufgesprochen und sie hat beim Hören nebenbei gebastelt, oder wir haben einfach über den Lernstoff gesprochen während sie durchs Wohnzimmer gerollt ist. Das hat bei ihr Klick gemacht.
Eure persönliche Lern-Checkliste
Probiert gemeinsam aus und macht euch Notizen:
★ Lernort: Wo fühlt sich dein Kind beim Lernen am wohlsten?
★ Bewegung: Braucht es Ruhe oder Bewegung?
★ Sinne: Lernt es besser durchs Sehen, Hören oder Tun?
★ Tageszeit: Wann ist die Konzentration am höchsten?
★ Lernmaterial: Helfen bunte Stifte, Karteikarten, Apps?
Eine Einladung zum Experimentieren
Dieser Blogbeitrag ist eine Einladung an dich als Elternteil und auch an dein Kind: Findet spielerisch heraus, wie Lernen leicht geht, damit es in der Zukunft leicht IST.
Unterschätze es nicht: Die Investition in Lernstrategien JETZT zahlt sich später zigfach aus. Denn irgendwann kommt der Punkt, wo auch dein hochbegabtes Kind lernen muss. Und dann ist es Gold wert, wenn es weiß, WIE.
Also: Wann startet ihr euer Lerntyp-Experiment?
Ein wichtiger Hinweis: Ich bin kein Lerncoach und kann dir hier nur erste Hinweise und Tipps zur Inspiration für deine eigene Erforschung geben. Wenn du merkst, dass dein Kind professionelle Unterstützung beim Lernen braucht, empfehle ich dir, einen Lerncoach zu suchen, der sich mit hochbegabten Kindern auskennt. Die richtige Begleitung kann einen großen Unterschied machen!




