Wenn Begabung wie Störung aussieht: Was ich im Seminar über ADHS-Fehldiagnosen gelernt habe

Vor Kurzem war ich bei einem Seminar zum Thema Hoch- und Höchstbegabung bei Frauke Niehues. Eine Information dort hat mich besonders aufhorchen lassen, und ich möchte sie heute mit dir teilen, weil sie für viele Menschen und Familien lebensverändernd sein könnte.

Experten warnen ausdrücklich vor ADHS-Fehldiagnosen bei hochbegabten Menschen, und das betrifft Kinder wie Erwachsene gleichermaßen.

Was ich in meiner Praxis erlebe

Warum erzähle ich dir das? Weil ich in meiner Praxis immer wieder Menschen begegne: Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene, die mit einer ADHS-Diagnose zu mir kommen und einen IQ-Test machen möchten. Und tatsächlich: Bei der Diagnostik stellt sich dann häufig heraus, dass eine Hochbegabung vorliegt, die vorher nie in Betracht gezogen wurde.

Das sind keine Einzelfälle. Das ist ein Muster. In diesem Bereich gibt es offensichtlich sehr viele Fehldiagnosen.

Was sagen die Experten?

Der renommierte Psychologe James T. Webb und sein Team haben umfassend dokumentiert, dass viele hochbegabte Kinder und Erwachsene fälschlicherweise als ADHS diagnostiziert werden. Webb weist darauf hin, dass nur wenige Fachleute die entsprechende Warnung im DSM-IV beachten, die besagt, dass ADHS-Symptome „inkonsistent mit dem Entwicklungsniveau“ sein müssen.

Die Organisation SENG (Supporting Emotional Needs of Gifted) betont, dass Eltern bei jeder ADHS-Evaluierung die Möglichkeit einer Hochbegabung ansprechen sollten, auch wenn viele Fachleute wenig Ausbildung im Erkennen von Merkmalen hochbegabter Kinder haben.

Und das gilt nicht nur für Kinder. Auch Erwachsene sind von dieser Problematik betroffen, besonders jene, die erst spät diagnostiziert werden oder bei denen die Hochbegabung jahrzehntelang unerkannt blieb.

Das Problem: Gleiche Verhaltensweisen, völlig unterschiedliche Ursachen

Im Seminar haben wir eine aufschlussreiche Gegenüberstellung besprochen, die zeigt, warum Verwechslungen so häufig passieren:

Übereinstimmungen

  • Hält Aufmerksamkeit nicht aufrecht
  • Schnelle Langeweile / Tagträumen
  • Geringe Ausdauer
  • Impulsivität
  • Folgt Anweisungen/Regeln nicht
  • Aktiv und unruhig
  • Unordnung / Chaos

Unterschiede / Ursache bei Hochbegabung

  • nur bei Unterforderung
  • intensive kognitive Beschäftigung
  • nur wenn Aufgabe irrelevant erscheint
  • Diskrepanz Entwicklung PFC/Intellekt
  • bei Mangel an Logik/Gerechtigkeit
  • hohes Energielevel
  • visuell-perzeptiver Stil

Der entscheidende Unterschied: Bei ADHS zeigen sich die Symptome typischerweise in praktisch allen Situationen, auch zu Hause und in der Schule. Hochbegabte Kinder hingegen zeigen die Verhaltensauffälligkeiten meist nicht in allen Situationen. Ein Kind mag im schulischen Bereich unkonzentriert wirken, beim Klavierspielen aber völlig fokussiert sein.

Bei Hochbegabung sind die Verhaltensweisen kontextabhängig. Sie verschwinden oder reduzieren sich deutlich bei angemessener kognitiver Herausforderung, bei Themen, die die Person interessieren, oder in Situationen, die sie als sinnvoll erlebt.

Was ist der Unterschied zwischen Hochbegabung und ADHS?

Die Folgen einer Fehldiagnose

Stell dir vor: Ein hochbegabtes Kind oder ein hochbegabter Erwachsener, der sich unterfordert fühlt, erhält die Diagnose ADHS. Statt der nötigen kognitiven Förderung und Herausforderung erhält die Person möglicherweise Medikamente und Therapien für eine Störung, die gar nicht vorliegt.

Das Selbstbild leidet massiv: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ statt „Ich brauche andere Herausforderungen.“ oder „Mein Gehirn funktioniert einfach anders.“.

Die eigentliche Ursache, die Unterforderung, das fehlende Verständnis für die eigene Denkweise, bleibt bestehen.

Das Potenzial bleibt ungenutzt.

Diese Fehldiagnosen entstehen oft aus Unwissenheit der Fachleute über spezifische soziale und emotionale Charakteristika hochbegabter Menschen, die dann fälschlicherweise als Zeichen von Pathologie interpretiert werden.

Erwachsene sind genauso betroffen

Was viele nicht wissen: Diese Problematik endet nicht mit der Kindheit. Gerade bei Erwachsenen, die erst spät als hochbegabt identifiziert werden, kann eine jahrelange ADHS-Diagnose erhebliche Auswirkungen auf das Selbstbild, die Karriere und die Lebensgestaltung haben.

Erwachsene hochbegabte Menschen berichten häufig von:

  • Jahrelanger Medikation, die nicht wirklich half
  • Dem Gefühl, „anders“ zu sein, aber nicht zu wissen, warum
  • Unterforderung im Berufsleben, die zu Unruhe und Frustration führt
  • Beziehungsproblemen durch Missverständnisse

Wichtig zu wissen: Beides kann auch zusammen auftreten

ADHS und Hochbegabung schließen sich nicht gegenseitig aus. Beide Bedingungen können auch gemeinsam auftreten. Die gemeinsamen Charakteristika können es schwierig machen, die beiden Zustände zu unterscheiden, und wenn beide zusammen vorkommen, interagieren sie auf ungewohnte Weise, die die Unterscheidung verwischen.

Aber diese Kombination kann nur erkannt werden, wenn beide Möglichkeiten überhaupt in Betracht gezogen werden. Hochbegabte Kinder mit ADHS verlassen sich oft übermäßig auf ihre Stärken, was unbeabsichtigt die ADHS-Beeinträchtigungen verschleiert und zu diagnostischen Fehlern führen kann.

Was muss sich ändern?

Nach dem Seminar und meinen Beobachtungen aus der Praxis bin ich überzeugt: Wir brauchen:

1. Mehr Bewusstsein bei Diagnostikern

Jede ADHS-Abklärung sollte standardmäßig auch die Möglichkeit einer Hochbegabung berücksichtigen, und umgekehrt. Wenn Verhaltens-Checklisten als einzige Beweisquelle herangezogen werden, statt als ein Element unter mehreren, erhöht sich die Möglichkeit, ADHS mit Hochbegabung zu verwechseln, da Checklisten nur die Verhaltensäußerungen adressieren, nicht aber die Ursachen.

2. Intelligenzdiagnostik als Standard

Ein fundierter IQ-Test sollte Teil jeder umfassenden ADHS-Diagnostik sein, bei Kindern UND bei Erwachsenen. Nicht optional, sondern obligatorisch.

3. Fortbildung für alle Beteiligten

Lehrkräfte, Therapeuten, Ärzte: Alle brauchen mehr Wissen über beide Phänomene und ihre Unterschiede.

4. Aufklärung für Betroffene

Menschen sollten wissen, dass sie nachfragen dürfen: „Wurde auch auf Hochbegabung getestet?“ Das ist keine Überheblichkeit, sondern verantwortungsvolle Diagnostik.

Wie finde ich heraus, ob ich ADHS oder Hochbegabung habe?

Warum ich das teile

Ich schreibe diesen Beitrag, weil diese Information wichtig ist. Weil sie Leben verändern kann. Weil möglicherweise gerade jetzt ein Kind oder ein Erwachsener mit der falschen oder unvollständigen Diagnose lebt, und die richtigen Worte zur richtigen Zeit den Unterschied machen könnten.

Wenn du ein Kind hast oder selbst betroffen bist und verhaltensauffällig erscheinst: Schau in beide Richtungen.

Wenn du in der Diagnostik arbeitest: Zieh beide Möglichkeiten in Betracht.

Wenn du Lehrkraft oder Führungskraft bist: Lerne, die Unterschiede zu erkennen. (Nicht jedes auffällige Kind hat ADHS.)

Und wenn du den Verdacht hast, selbst betroffen zu sein: Frag nach. Es ist nie zu spät für die richtige Diagnose.


Disclaimer

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich weder Psychologin noch Therapeutin bin und keine ADHS-Diagnosen stelle. Mein Schwerpunkt liegt auf der Diagnostik bei einem Verdacht auf eine mögliche Hochbegabung durch professionelle IQ-Tests.

Für eine umfassende ADHS-Diagnostik oder bei Verdacht auf eine Doppeldiagnose arbeite ich mit entsprechend ausgebildeten Fachpersonen zusammen, an die ich bei Bedarf gerne weitervermittle.

Dieser Beitrag dient der Information und Sensibilisierung für ein wichtiges Thema – er ersetzt keine fachärztliche oder therapeutische Beratung.


Mehr über das Seminar bei Frauke Niehues

Wenn dich das Thema Hoch- und Höchstbegabung interessiert, kann ich dir die Fortbildungen von Frauke Niehues wärmstens empfehlen: https://frauke-niehues.net/fortbildungen.html


Quellen und weiterführende Literatur:

SENG (Supporting Emotional Needs of Gifted): www.sengifted.org

Webb, J.T., Amend, E.R., Webb, N.E., Goerss, J., Beljan, P., & Olenchak, F.R. (2005). Misdiagnosis and Dual Diagnoses of Gifted Children and Adults: ADHD, Bipolar, OCD, Asperger’s, Depression, and Other Disorders. Scottsdale, AZ: Great Potential Press.

Webb, J.T. & Latimer, D. (1993). ADHD and Children Who Are Gifted. ERIC Digest #E522.

American Psychiatric Association (2000). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV-TR). Washington, DC.

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