Das hochbegabte Kind und seine Besonderheiten – wer kennt sie nicht? Schließlich war man selbst einmal jung. Und da Kinder bekanntlich nicht vom hochbegabten Storch gebracht werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch die eigenen Kinder hochbegabt sind. Ein großes Geschenk, aber auch eine große Herausforderung. Denn die ausgeprägte Intelligenz und Sensibilität dieser Kinder stellt das Familienleben oft vor besondere Aufgaben. Doch mit den richtigen Strategien und einem liebevollen Umgang lässt sich nicht nur der Alltag meistern – mit „klassischen“ Erziehungstipps kommt man allerdings selten weit. Das Tolle daran: Man kann sich vor allem selbst weiterentwickeln.
Dieser Artikel ist im Oktober 2024 im Magazin “MinD” erschienen.

1) Liebe als unerschütterliche Fundament
Liebe ist vielleicht der wichtigste Faktor für eine gesunde Entwicklung von Kindern. Und gerade intelligente Kinder haben ein sehr feines Gespür dafür, ob Zuwendung und Aufmerksamkeit echt sind – oder mit einer Erwartungshaltung verbunden. Hast Du auch ein Kind, das alles ganz genau wissen will und Dir Löcher in den Bauch fragt? Hochbegabte Kinder nehmen ihre Umwelt sehr bewusst wahr und haben eine hohe Auffassungsgabe. Aber gerade deshalb kämpfen sie oft mit Unsicherheiten und Versagensängsten. Das Gefühl, bedingungslos geliebt zu werden, dass die eigene Neugier gewürdigt wird, gibt Kindern das Gefühl, genau so richtig zu sein, wie sie sind. Für die Eltern bedeutet das, genau hinzuschauen, die eigene Kindheit zu reflektieren und nachzuspüren, ob sie selbst zu einer tiefen emotionalen Bindung fähig sind, frei von Erwartungen an das Verhalten ihres Kindes.
2.) Kinder Kinder sein lassen
Hochbegabte Kinder sind ihrem Alter zwar voraus, bleiben aber Kinder, die spielen und entdecken wollen. Ein typisches Beispiel ist das „Dranbleiben“ an einer Sache: Hochbegabte Kinder vertiefen sich begeistert in ein Thema, lernen alles darüber und wechseln dann das Interesse. Kommt Dir das nicht bekannt vor? Lass Deine Kinder Dinge ausprobieren – und auch wieder aufhören! Viele meinen, hochbegabte Kinder müssten ständig von außen gefördert oder zum Durchhalten gezwungen werden, dabei heißt das Zauberwort für intelligente Menschen seit jeher „intrinsische Motivation“. Wer schon einmal versucht hat, sein hochbegabtes Kind zu etwas zu zwingen, was es nicht will, weiß, wovon ich spreche.
Für Eltern bedeutet das vor allem, loszulassen, eigene Wünsche und Erwartungen zurückzustellen und dem eigenen Kind den Raum zu geben, den es braucht. Meine Tipps: Lade Dein Kind ein anstatt etwas zu wollen. Und ganz wichtig: Miteinander lachen, Spaß haben und herumalbern statt um jeden Preis fördern!
3.) Bedürfnisse erkennen und respektieren
Hochbegabte Kinder haben besondere Bedürfnisse, die erkannt und respektiert werden müssen. Sie können sich lange und intensiv mit Themen auseinandersetzen, brauchen aber auch Erholungsphasen. So kann ein Tagesablauf, der sowohl Zeit zum Lernen als auch zum Ausruhen, Entspannen und Zurückziehen enthält, viel Positives bewirken. Wenn ein Kind von Anfang an lernt, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, legt das den Grundstein für eine starke psychische Gesundheit. Voraussetzung dafür ist, dass wir Kinder ihren eigenen Weg gehen lassen. Ob Trampolinspringen während des Lernens, Hörspiele oder Youtube-Filme nebenbei: Unsere Kinder empfinden, reagieren und lernen oft anders als andere Kinder. Wenn wir auf das Ausprobieren unserer Kinder mit Unverständnis oder gar Abwertung reagieren, „So kann das nichts werden!“, nehmen wir ihnen die Chance, sich selbst kennen zu lernen. Hier hilft oft ein Blick auf sich selbst: Mache ich Dinge nacheinander oder lieber parallel? Lasse ich mir meine Ess-, Schlaf-, Ruhe- und Lernzeiten vorschreiben?
Wie schon geschrieben, es ist nicht der Storch, der die Kinder bringt…
4.) Fokus auf das Positive
Ständiges Argumentieren, auffälliges Essverhalten, Kauen auf Gegenständen, Chaos in der Schultasche: viele Eltern hochbegabter Kinder kennen solche Themen zu Genüge. Wer dagegen ankämpft, kämpft gegen Windmühlen. Mein ultimativer Tipp für gestresste Eltern: Fokussiert euch auf die Stärken und positiven Eigenschaften eures Kindes! Es vergisst die Hausaufgaben? Findet euren kreativen Umgang damit. Die täglichen Ermahnungen in der Schule sind frustrierend genug! Wenn die Eltern nachmittags und abends noch eins draufsetzen, ist der Weg zum Underachiever vorgezeichnet. Versucht doch mal, das Ganze mit Humor zu sehen! Schließlich merkt sich das Kind die kompliziertesten Dinosauriernamen oder erklärt dem Opa, was Bitcoins sind. Die meisten von uns sind mit einer Fehlerkultur aufgewachsen. Als Eltern müssen wir es besser machen. Schließlich arbeiten auch wir unter einem wohlwollenden Chef viel besser als unter ständiger Kritik.

5.) Schule Schule sein lassen
Ich weiß, dass ich mich jetzt auf dünnes Eis begebe. Denn das Thema Schule ist für viele von uns Eltern das Problem schlechthin: mittelmäßige bis schlechte Noten, tägliche Bauchschmerzen oder komplette Schulverweigerung. Und ganz gleich, ob es an der uns eigenen Denkweise liegt, am Hinterfragen von Strukturen, an der unglaublich langsamen Stoffvermittlung oder am unkreativen Lehrplan – für viele hochbegabte Kinder ist der Schulbesuch eine Qual. Hier muss man sich immer wieder vor Augen führen: Es liegt nicht am Kind! Wenn ich nur einen Rat geben dürfte, dann diesen: Nimm dein Kind so an, wie es ist! Wenn du dein Kind fördern willst, suche bewusst auch nach außerschulischen Aktivitäten. Stärke die Leidenschaften deines Kindes, seine Interessen. Lass dein Kind das tun, was ihm wirklich Spaß macht! Hilf deinem Kind, Erfahrungen zu sammeln, das Leben zu entdecken, Spaß zu haben – glücklich zu sein. Denn es wird alle Kraft der Welt brauchen, um durch dieses Schulsystem zu kommen.
6.) Kommunikation auf Augenhöhe
Respekt und Kommunikation auf Augenhöhe ist für hochbegabte Kinder mehr als wichtig.
Auch wenn sie noch so detaillierte und logische Erklärungen verlangen – mit einem „Dafür bist du noch zu klein“ zerstört man auf Dauer den Selbstwert eines jeden Kindes. Versuche Dir, wann immer es möglich ist Zeit zu nehmen, um Fragen ernsthaft und ausführlich auf Augenhöhe mit dem Kind zu beantworten. Lade Dein Kind (und Dich selbst) ein, die Perspektive zu wechseln, anstatt Vorschriften zu machen. Respekt und eine angemessene Kommunikation stärken die Beziehung zwischen Eltern und Kind und machen beide Seiten offener für Gespräche und Absprachen. Denn gerade bei hochbegabten Kindern gilt das ungeschriebene Gesetz „Bindung vor Weisung“. Uns geht es dabei ja nicht anders. Welchem Menschen würden wir eine Bitte abschlagen? Demjenigen, der mit uns auf Augenhöhe und respektvoll kommuniziert, oder demjenigen, der uns nicht ernst nimmt und keine Zeit für uns hat?
7.) Perspektiven wechseln
Und das bringt uns zum nächsten Punkt. Hand aufs Herz, wer von uns hält sich immer an alle Vereinbarungen und Konventionen? Wer trinkt zum Trost nicht mal ein Glas Wein mehr oder isst eine Tafel Schokolade auf einmal? Wie „benehmen“ wir uns, wenn wir nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommen? Hängen wir jedes Mal die Tasche an ihren Platz, waschen uns die Hände und machen uns an die Hausarbeit? Weder wir noch die Kinder müssen und können perfekt sein. Seid nachsichtiger mit euren Kindern – und auch mit euch selbst. Mein wichtigster Tipp für ein gutes Miteinander: In Konfliktsituationen versuchen, sich in das Kind hineinzuversetzen, die Situation zu abstrahieren, anstatt in Ärger zu verfallen. Ersetze in der Beschreibung einer Situation einfach mal „Schule“ durch „Arbeit“ und die Kommunikation mit dem Kind durch eine ähnliche Kommunikation mit einem Partner. Wer das im Alltag umsetzen kann, wird schnell merken, wie viel Kritik wir uns ersparen könnten und wie viel entspannter das Zusammenleben wäre, wenn wir liebevoller und wohlwollender miteinander umgehen würden.

8.) Eigene Bedürfnisse erfüllen
Hochbegabte Kinder sind oft emotionale Seismographen auf zwei Beinen. Das Leben mit einem solchen Kind ist eine Herausforderung, denn sie bringen uns immer wieder an unsere Grenzen. Aber auch Probleme im Kindergarten, in der Schule oder mit Gleichaltrigen machen uns Eltern zu schaffen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Eltern hochbegabter Kinder auch auf ihre eigenen Bedürfnisse und ihr Wohlbefinden achten. „Erst die Maske aufsetzen, dann dem Nebenmann helfen“, heißt es im Flugzeug bei Druckverlust. Viele Eltern hochbegabter Kinder sind oft am Ende ihrer Kräfte. Nimm Dir bewusst Zeit für Dich, um Kraft zu tanken und eigenen Interessen nachzugehen. Denn was für die Kinder gilt, gilt auch für uns: Je besser es uns geht, desto ausgeglichener und geduldiger können wir auch auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen, Verständnis und Unterstützung aufbringen. (Und der Druck(verlust), den unser Schulsystem auf uns ausübt, kann sich, wie viele von uns aus eigener leidvoller Erfahrung wissen, durchaus in die Länge ziehen.)
9.) Vorbilder sein
„Kinder lernen mehr durch das, was wir tun, als durch das, was wir sagen.“
Jeder von uns weiß, welche Herausforderung es für ein Kind sein kann, einerseits den Gleichaltrigen kognitiv weit voraus zu sein und andererseits ständig gemaßregelt zu werden oder sich emotional überfordert zu fühlen. Wie es ist, jeden Tag mit Bauchschmerzen in die Schule zu gehen, weil man sich durch langweiligen Unterricht quälen muss. Schulfrust, die Schwierigkeit, ebenbürtige Freunde zu finden – viele Kinder leiden sehr darunter und entwickeln nicht selten psychosomatische Beschwerden bis hin zu Depressionen.
Wir Erwachsenen kennen diese Probleme. Die Frage ist nur: Wie leben wir damit? Kinder wollen vieles sein, aber meist nicht anders. Wie wir als Eltern mit unserem „Anderssein“ umgehen, prägt unsere Kinder entscheidend. Wenn wir zu unseren Stärken stehen und diese auch leben, können wir zum Leuchtturm werden und unseren Kindern zeigen, worauf es im Leben wirklich ankommt.
10.) Den Rucksack aufräumen
Wer kennt das nicht: In der Theorie sind wir die besten Eltern, aber in der Praxis sieht alles dann oft anders aus. Denn hier kommt der sogenannte emotionale Rucksack ins Spiel – die schwierigen, unverarbeiteten Gefühle aus der Vergangenheit, die jeder mit sich herumschleppt und die uns mehr als alles andere triggern können – auch wenn wir es gar nicht wollen. Wenn wir selbst mit einem „Du bist zu…“ oder „Du musst doch…“ aufgewachsen sind, werden ähnliche Situationen immer wieder zu emotionalen Überreaktionen führen. Jetzt ist es allerdings nicht unwahrscheinlich, dass viele unserer negativen Erfahrungen mit unserem „Anderssein“ zu tun hatten. Und jetzt, nach so vielen Jahren des Vergessens – Hilfe! – das Kind ist genauso! Die Lösung und mein letzter Tipp: Nur wer seinen eigenen emotionalen Rucksack geleert hat, ist in der Lage, die so wichtige Führungsrolle im Zusammenleben mit seinen Kindern liebevoll und wohlwollend zu übernehmen und ihnen damit letztlich den Raum zur Entfaltung ihrer Potenziale zu geben und so glücklich zu werden.
Hast du Fragen an mich oder möchtest mich kennenlernen? In meinem 12-wöchigen Coaching begleite ich Eltern von hochbegabten und/oder hochsensiblen Kindern. Mehr Informationen dazu findest Du hier:
Hinweis: Meine Begleitung als Coach & Mentaltrainerin ersetzt keinen Besuch oder eine Behandlung bei einem Arzt, Psychologen, Heilpraktiker oder anderen Therapeuten. Er werden keine Diagnosen oder Heilversprechen gegeben. Bestehende Behandlungen sind nicht zu unterbrechen. Bei anhaltenden körperlichen oder psychischen Beschwerden kontaktiere bitte deinen Arzt.