Neun Jahre lang war ich fest davon überzeugt, vielbegabt und hochsensibel zu sein. Auf keinen Fall hochbegabt! In dieser Zeit habe ich viele Menschen zum IQ-Test geschickt. Und immer wieder kamen sie zurück und fragten mich, wann ich denn bitte endlich meinen eigenen Test mache und zu Mensa komme. Mit 48 habe ich es dann getan und spät erkannt, dass ich hochbegabt bin.
Seitdem begegnen mir in meinen Begleitungen immer wieder Menschen, denen es ähnlich geht. Auffällig viele davon sind Frauen in der Lebensmitte. Manche kommen mit der Frage nach Hochbegabung. Andere haben gerade herausgefunden, dass sie ADHS haben oder autistisch sind, oder sie vermuten es. Und alle stellen sich eine ähnliche Frage: Warum merke ich das erst jetzt?
Jahrzehntelang funktioniert
Viele von uns haben früh gelernt, sich anzupassen. Du hast beobachtet, wie die anderen es machen, und es nachgemacht. Du hast deine Gedankensprünge gebremst, deine Reizüberflutung weggelächelt und dein Chaos mit ausgeklügelten Systemen im Griff behalten. Bei ADHS und Autismus nennt man das Maskieren, und Mädchen und Frauen sind darin oft richtig gut.
Das Problem ist, dass Maskieren jeden Tag Kraft kostet. Solange genug Energie da ist, merkt es keiner, manchmal nicht einmal du selbst. Du funktionierst, du schaffst das, du bist vielleicht sogar erfolgreich. Nur fühlt es sich irgendwie anstrengender an als bei den anderen. Wenn du verstehen willst, warum dein Energiekonto schneller leer ist, hilft dir mein Beitrag zur Löffeltheorie für hochsensible und neurodivergente Menschen.

ADHS, Autismus und die Perimenopause
Viele Frauen erzählen, dass es rund um die Perimenopause kippt. Entweder geht die Kraft zum Maskieren aus, oder du hast schlicht keinen Bock mehr drauf. Und plötzlich wird sichtbar, was vorher gut versteckt war.
Vorweg: Ich bin keine Hormonexpertin. Ich habe aber recherchiert, weil ich den Eindruck habe, dass die Hormone hier zusätzlich anschieben. Die Forschung gibt diesem Eindruck recht. Ein Übersichtsartikel in Frontiers in Global Women’s Health beschreibt, dass Östrogen Dopamin beeinflusst, also dessen Bildung, Erhaltung und die Hemmung seines Abbaus. Dopamin ist ein Botenstoff, der für Aufmerksamkeit, Motivation und Gefühlsregulation wichtig ist. Sinkt das Östrogen, kann das Schwierigkeiten verstärken, die bei ADHS ohnehin da sind. Eine große Studie aus Island hat gezeigt, dass etwas mehr als die Hälfte (54,2 %) der Frauen mit ADHS starke Beschwerden in der Perimenopause erlebt, gegenüber etwa einem Drittel der Frauen ohne ADHS.
Auch autistische Frauen berichten Ähnliches. In einer Studie der britischen Forscherin Rachel Moseley beschrieben Teilnehmerinnen, dass die Wechseljahre ihre Maske brechen ließen und ihren Autismus sichtbarer machten. Zwei der Frauen waren zu Beginn der Wechseljahre noch nicht diagnostiziert und verbanden ihre Entdeckung ausdrücklich mit dieser schwierigen Zeit. Und manche erlebten es auch als Befreiung: Moseley berichtet, dass sich einige vorher an eine Identität gekettet fühlten und durch das nachlassende Maskieren in den Wechseljahren Freiheit gewannen.
Wichtig ist mir dabei, dass die Forschung dazu noch am Anfang steht. Und die Wechseljahre selbst können Konzentrationsprobleme und Vergesslichkeit mit sich bringen, die ADHS ähneln. Bei Frauen ohne ADHS kann der Rückgang von Dopamin Verhaltensweisen auslösen, die ADHS-Symptomen ähneln. Nicht jeder Nebel im Kopf mit 47 bedeutet also ADHS. Lass körperliche Ursachen bitte ärztlich abklären und hol dir für die Einordnung Unterstützung bei einem erfahrenen ADHS-Coach oder einer Therapeutin, die sich mit ADHS bei Frauen auskennt.
Und die Hochbegabung?
Auch hochbegabte Menschen passen sich oft ein Leben lang an. Sie machen sich kleiner, halten ihre Gedanken zurück und nehmen sich zurück, damit sie nicht anecken. In meinen Begleitungen erlebe ich immer wieder, dass Menschen irgendwann an einen Punkt kommen, an dem sie das nicht mehr wollen. Sie haben genug davon, sich zu verbiegen, und fangen an zu fragen, wer sie eigentlich sind, wenn sie sich nicht mehr anpassen. Genau an diesem Punkt stellt sich oft zum ersten Mal ernsthaft die Frage nach der eigenen Begabung.
Hochbegabung, ADHS und Autismus können übrigens gemeinsam vorkommen und sich gegenseitig verdecken. Eine hohe Intelligenz kann zum Beispiel lange ausgleichen, was durch ADHS schwerfällt. Damit das klar ist: Ich teste ausschließlich auf Hochbegabung. ADHS- und Autismusdiagnostik gehören in die Hände von Fachärztinnen und Fachärzten.
Brauchst du eine offizielle Diagnose?
Diese Frage höre ich ständig. Meine ehrliche Antwort: Nicht immer.
Oft reicht es, dich selbst anzunehmen. Zu reflektieren, wie du tickst, was du brauchst und wie die anderen ticken. Wenn du dich in Beschreibungen wiederfindest und dadurch liebevoller mit dir umgehst, hast du schon unglaublich viel gewonnen. Auch Moseleys Studie stützt das: Die Teilnehmerinnen erkannten, dass es beim Umgang mit den Veränderungen wichtig sein kann, sich selbst als autistisch zu verstehen, unabhängig von einer formalen Diagnose.
Und manchmal braucht es eben doch den offiziellen Befund. Ich stelle mir das wie einen offenen Loop im Kopf vor. Die Frage „Bin ich es oder bin ich es nicht?“ läuft immer weiter im Hintergrund und frisst Energie. Dieser Loop will geschlossen werden. Das kann passieren, weil du mit dir im Reinen bist und sagst: „Okay, ich muss das nicht schwarz auf weiß haben.“ Oder er schließt sich erst mit einem konkreten IQ-Wert oder einer Diagnose.
Es gibt auch ganz praktische Gründe. Medikamente bei ADHS bekommst du nur mit Diagnose, und für Nachteilsausgleiche oder Anpassungen am Arbeitsplatz brauchst du meist ebenfalls einen Befund. Umgekehrt kann eine psychiatrische Diagnose bei einer Verbeamtung oder bei manchen Versicherungen eine Rolle spielen. Informier dich also vorher, was das für dich bedeutet.

Und plane Geduld ein. Der Bundesverband autismus Deutschland schreibt, dass im Erwachsenenbereich mit erheblichen Wartezeiten von zwei Jahren und mehr zu rechnen ist und die Wartelisten derzeit nahezu überall geschlossen sind. Bei ADHS lag die Wartezeit in Bayern laut einer Umfrage unter Betroffenen bei 9,75 Monaten vom ersten Bemühen bis zur fertigen Diagnose. Eine gründliche Abklärung lohnt sich trotzdem: Laut der Autismusstiftung erhalten nur rund 40 Prozent derjenigen, die einen Termin bekommen, eine Autismus-Diagnose, bei den übrigen liegen andere Diagnosen vor. Das Gespräch mit Fachleuten bringt also in jedem Fall mehr Klarheit.
Bis dahin kannst du gut für dich sorgen, indem du lernst, mit deiner Energie hauszuhalten. Genau dafür habe ich mein E-Book Energiemanagement für Hochsensible (und natürlich auch für Hochbegabte und neurodivergente Menschen) geschrieben.
Fragen für dich
Wenn du gerade an diesem Punkt stehst, nimm dir ein paar Minuten für diese Fragen:
- Was hat sich in den letzten Jahren verändert, und was war schon immer so?
- Wobei kostet dich das Funktionieren am meisten Kraft?
- Was würde sich für dich ändern, wenn du es schwarz auf weiß hättest?
- Kannst du dich auch ohne Befund so annehmen, wie du bist?
Wenn die dritte Frage dich nicht loslässt, ist das vielleicht dein offener Loop, der geschlossen werden möchte.
Spät ist nicht zu spät
Ich habe mit 48 angefangen, mich neu zu verstehen, und es war eine der wertvollsten Entdeckungen meines Lebens. Wenn du wissen willst, ob hinter deinem Gefühl eine Hochbegabung steckt, begleite ich dich gern beim IQ-Test. Und wenn du erst einmal herausfinden möchtest, ob wir zusammenpassen, buch dir ein unverbindliches Kennenlerngespräch.
Hinweis: Ich bin Begabungspädagogin, Autismus-Coach und Mentaltrainerin, aber weder Therapeutin noch Ärztin und keine Hormonexpertin. Ich teste ausschließlich auf Hochbegabung. Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder therapeutische Beratung oder Diagnostik.
Quellen
Frontiers in Global Women’s Health: Hormonelle Schwankungen und ADHS bei Frauen (Übersichtsartikel)
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