Höchstbegabung ist nicht gleich Höchstbegabung

Neulich erzählte mir eine Kundin von ihrem ersten Treffen mit anderen Höchstbegabten. Sie hatte sich lange darauf gefreut, weil sie hoffte, dort endlich Menschen zu begegnen, denen sie nichts erklären muss. Ihr Fazit nach dem Abend hat mich nicht überrascht: Sie hatte den Eindruck, dass sie sogar manche der anderen Höchstbegabten mit ihrer Schnelligkeit und ihrer Tiefe überfordert hat.

Ich erlebe das in meiner Praxis immer wieder. Es zeigt etwas, worüber erstaunlich selten gesprochen wird: Auch innerhalb der Höchstbegabung gibt es große Unterschiede. So wie sich Hochbegabte von Höchstbegabten unterscheiden (darüber habe ich in Hochbegabung vs. Höchstbegabung: Wo liegt der Unterschied? ausführlich geschrieben), unterscheiden sich auch Höchstbegabte untereinander noch einmal deutlich.

Was die Zahlen verraten

Ab einem IQ von 130 spricht man von Hochbegabung. Das entspricht einem Prozentrang von 98, also etwa jedem 44. Menschen. Ab 145 beziehungsweise 146 beginnt die Höchstbegabung, der Prozentrang liegt dann bei 99,9.

Das klingt nach einer klaren Grenze, und viele denken, wer darüber liegt, gehört eben zu „den Höchstbegabten“. Je weiter es nach oben geht, desto seltener werden die Menschen allerdings, und zwar rasant. Rechnerisch hat etwa einer von 920 Menschen einen IQ von 146 oder mehr. Bei 150 ist es noch einer von 2.330, bei 160 nur noch einer von rund 31.600.

Ein kleines Rechenbeispiel, damit Du Dir das besser vorstellen kannst: Nimm eine Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern, etwa so groß wie München. Rein statistisch lägen dort rund 1.600 Menschen bei 146 oder darüber. Ab 150 wären es noch etwa 650, ab 160 gerade mal um die 50. (Fünfzig Menschen in einer ganzen Millionenstadt!) Das ist natürlich ein Gedankenspiel. Wie viele Höchstbegabte tatsächlich in München leben, weiß niemand.

Wer bei 145 oder 146 liegt, hat die Schwelle zur Höchstbegabung also erreicht. Von dort aus ist es bis 150 und darüber noch einmal ein großer Sprung. Das merke ich auch in meinen Gesprächen: Ab etwa 148 fühlt sich der Austausch nochmal deutlich anders an. Wie es sich anfühlt, wenn zur Schwelle ein einziger Punkt fehlt, habe ich übrigens in IQ von 145 und doch nicht genug? beschrieben.

Dieselbe Zahl, ganz unterschiedliche Menschen

Dazu kommt, dass der Gesamt-IQ ein Durchschnitt ist. Er verrät wenig darüber, wie jemand denkt. Im Test sehe ich die einzelnen Indexwerte, also zum Beispiel, wie ausgeprägt das sprachliche Denken ist, das logische Schlussfolgern, das Arbeitsgedächtnis oder die Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Zwei Menschen mit einem Gesamt-IQ von 150 können deshalb im Gespräch völlig unterschiedlich wirken. Die eine formuliert blitzschnell und springt von Idee zu Idee. Der andere wirkt nach außen vielleicht ruhiger, geht dafür aber so tief in ein Thema hinein, dass ihm kaum jemand folgen kann. Beide sind höchstbegabt, und beide erleben ihren Alltag auf ihre ganz eigene Weise.

Höchstbegabung: Wie finde ich Gleichgesinnte?

Fremd unter Höchstbegabten

Viele Höchstbegabte kennen das Gefühl, anders zu sein, seit sie denken können. Umso größer ist die Hoffnung, in einer Gruppe mit anderen Höchstbegabten endlich anzukommen. Oft klappt das auch wunderbar. Manchmal passiert aber genau das, was meine Kundin erlebt hat: Auch dort bist Du plötzlich diejenige, die zu schnell ist, zu tief bohrt oder Gedankensprünge macht, bei denen die anderen aussteigen.

Das kann richtig wehtun. Denn wenn Du Dich selbst unter Gleichgesinnten fremd fühlst, wo gehörst Du dann hin?

Bremsen und übersetzen

Wer weit über der Schwelle liegt, hat meist früh gelernt, sich anzupassen. Das Tempo wird gedrosselt, Zwischenschritte werden nachgeliefert, die man selbst gar nicht bräuchte, und Gedanken werden so aufbereitet, dass andere mitkommen. Viele machen das so selbstverständlich, dass es ihnen selbst kaum noch auffällt.

Ein Gedankensprung, der für Dich völlig logisch ist, wirkt auf Dein Gegenüber schnell wie ein Themenwechsel. Also erklärst Du, und oft auch ein zweites Mal. Das kostet Kraft, und zwar jeden Tag. Von außen sieht das niemand, weil Du ja scheinbar ganz entspannt mitredest.

Wo Tests an ihre Grenzen kommen

Noch ein Punkt ist mir wichtig: Je höher der Wert, desto ungenauer wird die Messung. In den Vergleichsgruppen, mit denen ein Test normiert wird, gibt es in diesem Bereich einfach kaum Menschen. Deshalb gehört zu einem seriösen Testergebnis immer ein Konfidenzintervall, also der Bereich, in dem Dein tatsächlicher Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt. Gerade ab 150 lohnt es sich, eher auf diesen Bereich zu schauen als auf die eine Zahl.

Mit Dir ist alles in Ordnung

Wenn Du Dich selbst unter Höchstbegabten manchmal fremd fühlst, ist mit Dir alles in Ordnung. Höchstbegabung ist ein weiter Bereich, der an der Schwelle von 145 beginnt und weit darüber hinaus reicht. Es ist völlig normal, dass Du nicht mit jedem Menschen darin auf einer Wellenlänge schwingst.

Gleichgesinnte finden unter Höchstbegabten

Wo Du Menschen auf Augenhöhe findest

Die gute Nachricht: Es gibt sie, die Menschen, mit denen das Gespräch einfach fließt. Du findest sie zum Beispiel bei Mensa, in meinen Treffen für Menschen ab einem IQ von 145 oder in Gesellschaften wie der International Society for Philosophical Enquiry und der Triple Nine Society, die beide Mitglieder ab einem Prozentrang von 99,9 aufnehmen.

Wenn Du Dir jemanden wünschst, der Dein Tempo mitgeht und mit Dir gemeinsam anschaut, wie Du tickst und was Du brauchst, dann freue ich mich auf Dich. 💛

Hinweis: Ich bin Coachin für Hochbegabung, Höchstbegabung und Autismus, keine Therapeutin oder Ärztin. Dieser Text ersetzt keine therapeutische oder ärztliche Beratung oder Begleitung.

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