Ein Beitrag für Erwachsene, die das Gefühl haben, dass irgendetwas „anders“ ist oder sie vielleicht nicht nur hochbegabt sein könnten, und die anfangen, sich zu fragen, warum.
Du funktionierst, Du gehst arbeiten, führst Gespräche, erledigst Deinen Alltag und von außen sieht alles ganz normal aus. Vielleicht, weil Du exzellent im Kompensieren und Maskieren bist.
Aber in Dir drin fühlt es sich oft anders an, als es aussieht. Vielleicht kostet Dich vieles mehr Kraft, als es anderen zu kosten scheint. Vielleicht hast Du das Gefühl, dass Du Dich ständig anpassen musst, an Regeln, die alle anderen intuitiv zu kennen scheinen, Du aber irgendwie nicht. Vielleicht hast Du Dich schon immer ein bisschen wie ein Alien auf einem fremden Planeten gefühlt: Du beobachtest, Du lernst, Du imitierst. Es funktioniert meistens, aber es ist anstrengend.
Und vielleicht fragst Du Dich inzwischen: Könnte das Autismus sein?
Diese Frage ist mutig und sie verdient eine ehrliche Antwort oder zumindest einen Anfang davon. In meiner Arbeit als Autismus-Coach begegnen mir immer wieder Erwachsene, die genau an diesem Punkt stehen. Was ich in diesen Gesprächen höre, welche Muster sich zeigen, und welche Fragen helfen können, das möchte ich hier mit Dir teilen.
Dieser Beitrag ersetzt keine Anamnese oder fachgerechte Diagnostik bei einem Experten, doch enthält er eine Checkliste, die als Einladung genauer hinzuschauen, zu verstehen ist.
Lies die folgenden Fragen in Ruhe durch und spüre nach, ob und in welchen und in wie vielen Punkten Du Dich vielleicht erkennst.
Soziale Interaktion und Beziehungen
Soziale Situationen sind für die meisten Menschen manchmal herausfordernd. Aber wenn Kontakt sich grundsätzlich deutlich anstrengend anfühlt und wenn Du Gespräche vorbereitest, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
- Fühlst Du Dich in vielen sozialen Situationen und Interaktionen unsicher, insbesondere in Gruppen?
- Fällt es Dir schwer, auf andere Menschen zuzugehen, jemanden anzusprechen oder einen sozialen Kontakt zu initiieren?
- Planst Du manchmal den Ablauf von Gesprächen bereits im Vorfeld, um ein bisschen Sicherheit zu haben?
- Fällt es Dir schwer, intuitiv zu entscheiden, wie Du ein Gespräch beginnst, in Gang hältst und schließlich auch beendest?
- Fällt es Dir schwer, neue Leute kennenzulernen, enge Freundschaften zu knüpfen und diese dann auch zu halten?
- Gelingt es Dir nur schlecht, Dir vorzustellen, was andere Menschen denken oder fühlen, oder warum sie über einen Witz lachen müssen?
- Hast Du Schwierigkeiten, Mimik, Gestik oder den Tonfall anderer Menschen zu deuten? Bist Du oft auf das Gehör reduziert, weil Du aus dem Gesicht Deines Gegenübers wenig herauslesen kannst?
- Fühlst Du Dich in Gruppensituationen überfordert, besonders wenn mehrere Personen gleichzeitig und durcheinander sprechen?
- Triffst Du Deine Entscheidungen meist allein, ohne Dich von den Gefühlen oder Argumenten anderer beeinflussen zu lassen? Hast Du wenig Erfahrung damit, Argumente auszutauschen und zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen?
- Fällt Dir Small Talk schwer? Möchtest Du eher Sachinformationen austauschen, während andere den Kontakt eher deshalb suchen, weil er ihnen Spaß macht?
- Fällt es Dir schwer, Arbeitsstellen zu finden und auch zu behalten, an denen Du Dich wohlfühlst und Deine Kenntnisse und Fähigkeiten einbringen kannst?
Wenn Du bei mehreren dieser Fragen innerlich nickst: Das ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelndem Interesse an Menschen. Es kann ein Hinweis darauf sein, dass Dein Gehirn soziale Informationen anders verarbeitet.

Kommunikation und Sprache
Kommunikation ist so viel mehr als Worte. Und genau das macht es kompliziert, wenn die Ebene zwischen den Zeilen nicht intuitiv zugänglich ist.
- Gibt es öfter Missverständnisse mit anderen Menschen, weil Du eine Äußerung wörtlich und damit anders verstehst, als sie eigentlich gemeint ist?
- Bekommst Du manchmal die Rückmeldung, dass das, was Du gesagt oder getan hast, unhöflich gewesen sei, Du selbst das aber nicht gemerkt hast?
- Hast Du Schwierigkeiten mit Ironie, Witzen, Metaphern oder abrupten Themenwechseln?
- Bemerkt Dein Umfeld Auffälligkeiten in Deiner Sprache – z. B. ungewöhnliche Sprachmelodie oder Tonlage, „monotone“ Sprache, unangemessene Lautstärke, auffällige Gesprächspausen oder Selbstgespräche?
- Fällt es Dir schwer, Augenkontakt zu halten?
- Fällt Deiner Umgebung auf, dass Du nur wenig Gestik und Körpersprache zeigst und man Dir Dein Befinden nur schlecht ansehen kann?
- Fällt es Dir schwer zu telefonieren z. B. zu entscheiden, wann Du an der Reihe bist, ohne dem Gegenüber ins Wort zu fallen, oder zu erkennen, wann ein Telefonat beendet werden sollte? Bevorzugst Du schriftliche Kommunikation?
- Wirkst Du manchmal streng, verurteilend oder kritisierend, wenn Du einen Fehler entdeckst, ohne selbst zu merken, wie hart Du dabei rüberkommst?
- Wirkst Du pedantisch, übergenau oder perfektionistisch?
Das Tückische an diesen Kommunikationsunterschieden: Sie werden selten als Unterschied wahrgenommen, sondern als Fehler. Du bekommst Etiketten wie „unhöflich“, „kalt“ oder „eigenartig“ und fängst irgendwann an, an Dir selbst zu zweifeln oder zu glauben, dass es wirklich so sein könnte.
Wahrnehmung und Sensorik
Autismus ist nicht nur ein soziales Phänomen. Er hat eine körperliche Dimension, und die wird oft übersehen.
- Hast Du Auffälligkeiten in Deiner Wahrnehmung – Über- oder Unterempfindlichkeit im Hinblick auf Geräusche, Berührungen, Gerüche, Geschmack, visuelle Wahrnehmung, Schmerz- oder Temperaturempfinden?
- Hörst Du manchmal leise Geräusche, die anderen Menschen nicht auffallen, oder bemerkst Du Details, die andere nicht mitbekommen?
- Ist die Kombination unterschiedlicher Sinneseindrücke in hoher Intensität (z. B. in großen Einkaufszentren) für Dich besonders unangenehm und stressend?
- Reagierst Du empfindlich auf bestimmte Stoffe, Kleidungsetiketten, Berührungen oder Wassertemperaturen?
- Hast Du Mühe, bestimmte Reize auszublenden und Dich auf eine einzelne Sache zu fokussieren, wenn mehrere Reize gleichzeitig auf Dich einwirken?
- Während Dir kleine Einzelheiten meist sofort auffallen, fällt es Dir schwer, Zusammenhänge zu erkennen (z. B. die Handlung eines Films oder eines Buches)?
Wenn Dir diese Beschreibungen bekannt vorkommen: Das ist eine neurologisch andere Art, Sinnesreize zu verarbeiten.
Körperwahrnehmung (Interozeption)
Neben der Außenwahrnehmung gibt es noch eine Ebene, die oft übersehen wird: die Wahrnehmung dessen, was in Deinem eigenen Körper passiert.
- Hast Du Mühe zu erkennen, ob Du gerade Hunger, Durst, Kälte oder Erschöpfung empfindest? Vergisst Du regelmäßig zu essen oder zu trinken?
- Hast Du ein anderes Schmerzempfinden als Dein Umfeld? Spürst Du Schmerzen später oder anders als andere Menschen?
- Hast Du Schwierigkeiten, Deine eigenen Emotionen zu benennen oder zu beschreiben, was Du gerade fühlst (Alexithymie)?
Gerade der letzte Punkt überrascht viele: Du spürst, dass etwas in Dir ist, aber Du kannst es nicht greifen, nicht einordnen, nicht benennen. Das bedeutet nicht, dass Du keine Gefühle hast. Es bedeutet, dass die Verbindung zwischen dem Gefühl und dem Wort dafür anders funktioniert.

Struktur, Routinen und Veränderungen
Manche nennen es Gewohnheit. Für Dich ist es eher ein Anker, der Dir Stabilität gibt.
- Sind Routinen und Rituale für Dich wichtig – im Verlauf des Tages, beim Zubettgehen, beim Essen?
- Bist Du beunruhigt, wenn sich etwas verändert oder wenn etwas Unerwartetes geschieht?
- Planst Du Deinen Tagesablauf und Deine Unternehmungen schon im Voraus detailliert, weil Du merkst, dass Dir das hilft? Bevorzugst Du, Dinge immer auf dieselbe Art und Weise zu tun?
- Können Veränderungen am Arbeitsplatz, der Wegfall einer Bezugsperson, ein Umzug oder neue Nachbarn bei Dir großen Stress oder sogar Krisen auslösen?
Dahinter steckt Dein Nervensystem, das Vorhersehbarkeit braucht, um nicht in den Alarmmodus zu schalten.
Masking und Erschöpfung
Dies ist vielleicht der wichtigste Abschnitt dieses Beitrags und der Grund, warum so viele autistische Erwachsene erst spät erkennen, dass sie im Spektrum sind.
Dieser Bereich ist besonders relevant für Frauen, trans und nicht-binäre sowie hoch- und höchstbegabte Personen, bei denen Masking häufig stärker ausgeprägt ist und eine Diagnose oft verzögert.
- Hast Du das Gefühl, Dich im Alltag verstellen zu müssen, um dazuzugehören oder gesellschaftlich akzeptiert zu werden?
- Beobachtest und imitierst Du bewusst das Verhalten anderer Menschen, um «normal» zu wirken?
- Fühlst Du Dich nach sozialen Kontakten (extrem) erschöpft und brauchst längere Erholungszeit?
- Hast Du das Gefühl, dass ein großer Teil Deiner Tagesenergie allein dafür verloren geht, „normal“ zu funktionieren?
Das, was Du da machst, hat einen Namen. Es heißt Masking und es ist unglaublich anstrengend. Dieser chronische Energieverlust kann sich über Jahre aufbauen und sich irgendwann als Burnout, Depression oder Angststörung zeigen. Nicht wenige autistische Erwachsene haben solche Diagnosen bereits hinter sich, bevor sie überhaupt beginnen, über Autismus nachzudenken.
Wenn vieles zusammenkommt
Vielleicht hast Du Dich in einem dieser Bereiche wiedererkannt. Vielleicht in mehreren. Vielleicht hast Du beim Lesen genickt oder warst tief berührt, weil Du Dich erkannt hast.
Das allein reicht nicht für eine Diagnose. Autismus ist ein komplexes Spektrum, und viele dieser Erfahrungen können auch andere Ursachen haben. Hochsensibilität, ADHS, Traumafolgestörungen, Hochbegabung, Höchstbegabung. Es gibt Überlappungen, und die Abgrenzung ist nicht immer einfach.
Wenn Du Dich in mehreren Bereichen wiedererkennst, wenn diese Muster sich durch Dein ganzes Leben ziehen, wenn Du das Gefühl hast, dass Dir bis heute ein Stück Betriebsanleitung für die Welt zu fehlen scheint, dann lohnt es sich, dem nachzugehen.
Es geht nicht unbedingt darum ein Etikett oder eine Diagnose zu bekommen. Das Wichtigste ist Dich selbst, Dein So-sein und Deine Bedürfnisse immer besser zu verstehen, ohne Dich dafür zu verurteilen, dass Du so bist, wie Du bist.
Vielleicht erkennst Du, dass Du nicht falsch bist, sondern einfach eine andere Art hast die Welt wahrzunehmen.
Dieser Beitrag basiert auf meiner Arbeit als Autismus-Coach und auf den Gesprächen, die ich mit erwachsenen Klientinnen und Klienten führe, die sich auf dem Weg zur Selbsterkenntnis befinden. Er ersetzt keine fachliche Diagnostik, kann aber ein erster Schritt sein. Wichtiger Hinweis: Ich bin Fachberaterin für Hoch- und Höchstbegabung sowie Autismus-Coach PLI® – keine Therapeutin, Psychologin oder Ärztin. Die Inhalte dieses Beitrags ersetzen keine therapeutische oder ärztliche Beratung und stellen keine diagnostische Einordnung dar. Wenn Du den Verdacht hast, im Autismus-Spektrum zu sein, wende Dich für eine fundierte Diagnostik bitte an eine entsprechende Fachperson.
Weiterführende Artikel:
- Warum du Hochbegabung und Autismus bei dir selbst nicht erkennst – aber ADHS schon eher
- Warum du abends keine Löffel mehr hast – die Löffeltheorie für neurodivergente und hochsensible Menschen
- Was Hochsensible und Autisten verbindet
- Overexcitabilities – Wenn die Welt „mehr“ oder „zu viel“ ist
- Twice exceptional und Neurodiversität in Unternehmen




