Asynchrone Entwicklung bei hochbegabten Kindern

Wenn der Kopf schon in der fünften Klasse ist, das Herz aber noch im Kindergarten

Dein Kind erklärt Dir abends beim Zähneputzen, warum das Universum sich ausdehnt. Im selben Atemzug bricht es in Tränen aus, weil die Zahnpastatube nicht richtig aufgeht.

Dein Kind liest mit fünf Jahren Bücher, die für Zehnjährige gedacht sind. Beim Schleife binden braucht es noch Hilfe.

Dein Kind stellt Fragen, bei denen Du selbst erst mal googeln musst. Fünf Minuten später liegt es auf dem Boden und schreit, weil das Lego-Modell nicht so aussieht wie auf der Packung.

Wenn Du Dein Kind gerade wiedererkennst, dann lies weiter. Denn was hier passiert, hat einen Namen und es ist weder ein Erziehungsfehler noch eine Störung. Es hat einen Namen: asynchrone Entwicklung. Eines der am häufigsten missverstandenen Phänomene rund um Hochbegabung. Gleichzeitig ist es die Erklärung für so viele Konflikte, Fehleinschätzungen und unnötigen Sorgen.

Was asynchrone Entwicklung eigentlich bedeutet

Wir alle gehen unbewusst davon aus, dass Kinder sich in einem einigermaßen gleichmäßigen Tempo entwickeln. Kopf, Herz, Körper, soziale Fähigkeiten, alles wächst ungefähr parallel. Bei einem durchschnittlich begabten Kind von sechs Jahren stimmt dieses Bild meistens einigermaßen.

Bei hochbegabten Kindern sieht das anders aus. Ihre kognitive Entwicklung eilt den anderen Bereichen oft weit voraus. Die emotionale Reife, die motorischen Fähigkeiten, die soziale Entwicklung, all das entspricht häufig dem chronologischen Alter. Manchmal entfalten sich bestimmte Bereiche sogar etwas langsamer.

Das Ergebnis ist ein inneres Ungleichgewicht, das von außen betrachtet widersprüchlich wirkt. Ein Kind, das gleichzeitig erschreckend klug und erschreckend unreif erscheint. Für Außenstehende ergibt das keinen Sinn. Für das Kind selbst ist es zutiefst real und manchmal ausgesprochen schmerzhaft.

Die Psychologin und Begabungsforscherin Linda Silverman hat dieses Phänomen in den 1990er Jahren maßgeblich beschrieben. Die sogenannte Columbus Group, ein Zusammenschluss von Fachleuten aus der Begabungsforschung, formulierte 1991 eine Definition von Hochbegabung, die mich bis heute begleitet: Hochbegabung ist demnach im Kern asynchrone Entwicklung. Fortgeschrittene kognitive Fähigkeiten und eine erhöhte Intensität wirken zusammen und erzeugen ein inneres Erleben, das qualitativ anders ist als die Norm. Je höher die Begabung, desto stärker die Asynchronie!

Das war ein Meilenstein. Denn plötzlich ging es nicht mehr nur um IQ-Punkte und Leistungspotenzial. Sondern darum, dass diese Kinder die Welt grundlegend anders erleben.

So zeigt sich asynchrone Entwicklung im Alltag

Asynchronie zeigt sich auf verschiedenen Ebenen und oft treten mehrere gleichzeitig auf.

Der Kopf versteht, was das Herz noch nicht verarbeiten kann.

Das ist die bekannteste Form. Dein Kind denkt über den Tod nach, über Krieg, über Umweltzerstörung. Intellektuell kann es diese Themen erfassen. Emotional fehlt ihm aber die Reife, das Ganze einzuordnen. Die Folge sind Ängste, Grübeleien und schlaflose Nächte über Dinge, die für Gleichaltrige noch gar kein Thema sind. Dein Siebenjähriger, der abends nicht einschlafen kann, weil er über den Klimawandel nachdenkt, reagiert nicht dramatisch. Sein Gehirn erkennt Zusammenhänge, die sein emotionales System noch nicht tragen kann.

Der Kopf weiß genau, was die Hände noch nicht können.

Dein Kind sieht innerlich eine perfekte Zeichnung, ein beeindruckendes Bauwerk, eine schöne Handschrift. Die feinmotorische Umsetzung kann da aber noch nicht mithalten. Die Diskrepanz zwischen Vorstellung und Ergebnis erzeugt tiefe Frustration und explosive Wutausbrüche oder das komplette Vermeiden motorischer Aufgaben. Dieses Phänomen erklärt übrigens auch, warum manche hochbegabten Kinder das Schreiben verweigern. Nicht, weil ihnen nichts einfällt, sondern weil sie die Langsamkeit und Unvollkommenheit des Schreibprozesses kaum ertragen.

Das bedeutet asynchrone Entwicklung bei hochbegabten Kindern.
Kognitiv auf Augenhöhe mit Älteren, sozial noch ein Kind unter Kindern.

Hochbegabte Kinder suchen oft Gesprächspartner, die ihre Interessen teilen. Sie finden sie eher bei Älteren oder Erwachsenen. Im Kontakt mit Gleichaltrigen fühlen sie sich fehl am Platz, missverstanden, gelangweilt. Gleichzeitig fehlt ihnen manchmal die soziale Reife, um sich in altersübergreifenden Gruppen souverän zu bewegen. Diese Konstellation kann zu Einsamkeit führen. Zu dem Gefühl, nirgendwo wirklich dazuzugehören. Ein Erleben, das viele hochbegabte Erwachsene rückblickend als eine der prägendsten Erfahrungen ihrer Kindheit beschreiben.

Der Geist will weitermachen, der Körper braucht eine Pause.

Ein Aspekt, der oft übersehen wird: Hochbegabte Kinder sind trotz ihrer kognitiven Reife körperlich Kinder. Sie brauchen Schlaf, Bewegung, Pausen, auch wenn ihr Kopf unermüdlich weiterarbeiten möchte. Hier sind wir als liebevolle ‚Alphas‘ gefragt, unsere Kinder entsprechend zu regulieren.

Warum das Ganze so oft zu Fehleinschätzungen führt

Hier liegt eines der größten Probleme. Denn asynchrone Entwicklung wird von Fachleuten, die mit Hochbegabung nicht vertraut sind, regelmäßig fehlinterpretiert.

Die unbewusste Erwartung lautet: Wer so klug denkt, müsste doch auch entsprechend reif fühlen und handeln. Wenn das nicht zusammenpasst, dann „stimmt doch etwas nicht“. Die Folge sind Verdachtsdiagnosen, die an der Realität des Kindes vorbeigehen. Intensives Verhalten wird als ADHS eingeordnet. Soziale Schwierigkeiten werden als Autismus-Spektrum-Störung gedeutet. Perfektionismus wird zur Angststörung. Emotionale Ausbrüche gelten als oppositionelles Trotzverhalten.

Ich erlebe das in meiner Praxis regelmäßig. Eltern kommen zu mir, nachdem sie bereits eine Odyssee an Terminen hinter sich haben und ihr Kind trotzdem nicht wirklich gesehen wurde.

Jetzt möchte ich etwas Wichtiges klarstellen: Das bedeutet nicht, dass diese Diagnosen bei hochbegabten Kindern nie zutreffen. Doppelte Besonderheiten, also die Kombination von Hochbegabung mit ADHS, Autismus oder anderen Diagnosen, kommen durchaus vor. Die Herausforderung liegt darin, sauber zu unterscheiden: Resultiert das Verhalten aus der Asynchronie selbst? Oder liegt tatsächlich eine zusätzliche Besonderheit vor? Diese Unterscheidung braucht Fachleute, die sowohl mit Hochbegabung als auch mit klinischer Diagnostik vertraut sind. Davon gibt es leider zu noch wenige oder die Wartezeiten sind ellenlang.

Was Dein Kind wirklich braucht – 7 Tipps für den Alltag

Als Elternteil eines asynchron entwickelten Kindes bewegst Du Dich jeden Tag auf einem Grat. Die kognitive Reife verleitet dazu, dem Kind mehr Verantwortung und Verständnis zuzutrauen, als es emotional leisten kann. Gleichzeitig fühlt sich Dein Kind missverstanden, wenn es ausschließlich nach seinem Alter behandelt wird.

Hier sind sieben Impulse, die Dir und Deinem Kind helfen können:

1. Akzeptiere die Gleichzeitigkeit. Dein sechsjähriges Kind, das auf dem Niveau eines Zehnjährigen liest und emotional wie ein Sechsjähriger reagiert, ist kein Zehnjähriger, der „falsch tickt“. Es ist ein asynchron entwickelter Sechsjähriger, der in verschiedenen Bereichen verschiedene Begleitung braucht. Hör auf, nach Konsistenz zu suchen. Die gibt es hier nicht – das ist kein Fehler, das ist das Wesen Deines Kindes.

2. Nimm die Frustration ernst. Die innere Diskrepanz zwischen „Ich weiß genau, was ich will.“ und „Ich kann es noch nicht umsetzen.“ erzeugt echtes Leid. Dein Kind braucht in diesen Momenten keine Beschwichtigung im Sinne von „Ist doch nicht so schlimm“. Es braucht Anerkennung: „Ich sehe, dass das gerade wirklich frustrierend für Dich ist. Dein Kopf ist schon weiter als Deine Hände. Das ist schwer auszuhalten.“

3. Fördere den Kopf, ohne das Herz zu überfordern. Intellektuelle Förderung darf nicht bedeuten, Dein Kind in eine ältere Altersgruppe zu drängen, in der es kognitiv mithalten kann, emotional aber überfordert ist. Bessere Lösungen sind: Thematische Vertiefung im eigenen Tempo, Kontakt zu Gleichgesinnten unabhängig vom Alter, Mentoring durch einzelne Bezugspersonen, die Dein Kind intellektuell herausfordern und emotional auffangen.

4. Gib Deinem Kind eine Sprache für sein Anderssein. Kinder, die spüren, dass sie anders ticken, brauchen Worte dafür. Erkläre Deinem Kind altersgerecht, was asynchrone Entwicklung ist. „Dein Kopf ist manchmal schneller als Dein Herz. Das ist bei manchen klugen Menschen so. Das bedeutet nicht, dass etwas mit Dir nicht stimmt. Es bedeutet, dass verschiedene Teile von Dir unterschiedlich schnell wachsen.“ Allein das Wissen, dass es dafür eine Erklärung gibt, nimmt vielen Kindern eine enorme Last von den Schultern.

5. Sprich mit der Schule, aber richtig. Lehrkräfte stehen vor einer echten Herausforderung, wenn ein Kind den Stoff in Minuten durchdrungen hat, sich aber wie ein Dreijähriger auf den Boden wirft, weil der Radiergummi nicht zu finden ist. Die Versuchung ist groß, entweder die Hochbegabung oder das emotionale Verhalten als „das Eigentliche“ zu betrachten. Beides geht am Kind vorbei. Hilf der Lehrkraft, Dein Kind als Ganzes zu sehen. Teile Dein Wissen über asynchrone Entwicklung. Die meisten Lehrkräfte sind dankbar dafür, wenn sie verstehen, was hinter dem Verhalten steckt.

7 Tipps bei asychroner Entwicklung.

6. Achte auf die Intensität, denn sie ist real. Der polnische Psychiater Kazimierz Dąbrowski hat beschrieben, dass hochbegabte Menschen in verschiedenen Bereichen eine erhöhte Reizempfänglichkeit zeigen können: intellektuell, emotional, imaginativ, sensorisch und körperlich. Wenn Dein Kind intensiver reagiert als andere, auf Geräusche, auf Ungerechtigkeiten, auf kratzende Etiketten oder auf die Schönheit eines Sonnenuntergangs, dann ist das kein Defizit. Das ist Ausdruck eines Nervensystems, das Reize feiner aufnimmt und tiefer verarbeitet. Diese Intensität gehört zu Deinem Kind. Sie wegzuerziehen funktioniert nicht. Einen guten Umgang damit zu finden schon.

Lies dazu auch meinen Artikel: Overexcitabilities – Wenn die Welt „mehr“ oder „zu viel“ ist

7. Hol Dir Unterstützung, wenn es knirscht. Wenn die Asynchronie zu anhaltenden Krisen führt, Schulverweigerung, sozialer Rückzug, anhaltende Ängste, ständige Konflikte, dann braucht Ihr als Familie professionelle Begleitung. Suche gezielt nach Fachleuten, die sowohl mit Hochbegabung als auch mit den damit verbundenen Herausforderungen vertraut sind. Eine Beratung, die Hochbegabung nicht als Faktor einbezieht, passt nicht zu euch!

Ein letzter Gedanke

Asynchrone Entwicklung ist eine natürliche Begleiterscheinung von Hochbegabung. Was wie ein Widerspruch aussieht, ein brillanter Kopf in einem emotionalen Kinderkörper, ist kein Widerspruch. Es ist die Realität Deines Kindes und es darf gerade so sein.

Dein Kind wächst nicht in geraden Linien. Es wächst in Sprüngen, in Schleifen, in überraschenden Richtungen. Manche Teile rasen voraus, andere brauchen mehr Zeit.

Denn ein Kind, das sich in seiner ganzen widersprüchlichen Gleichzeitigkeit angenommen fühlt, kann seine Hochbegabung als das leben, was sie sein kann: nicht als Belastung, sondern als Geschenk.

Zum Weiterlesen: Linda Silverman: Giftedness 101 (Springer, 2012) – das Standardwerk zur asynchronen Entwicklung.

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